Auf dem Gipfel gibt es keinen Cappuccino

Verena Lüthi , 04.09.2020

Verena Lüthi
Verena Lüthi

«Einmal stehe ich auf dem Gipfel des Mount Everest», dass sich das eine passionierte Bergsteigerin vornimmt, ist nachvollziehbar. Anders verhält es sich, wenn besagte Person an Krebs erkrankt und mitten in der Chemotherapie auf die Idee kommt, den höchsten Berg der Welt zu besteigen.  

Heidi Sand beschreibt diesen Weg in ihrem Schicksalsbericht. Ich gebe es zu, vermutlich hätte ich mich an ihrer Stelle mehrheitlich von seichten Nachmittagsserien im TV berieseln lassen und mich in der übrigen Zeit viel zu oft in Selbstmitleid gesuhlt.

Nicht so Heidi Sand. Sie merkte, dass sie ein Ziel brauchte, um die manchmal fast unerträglichen Folgen der Chemotherapie ertragen zu können. Allein Gesundwerden reichte nicht, sie suchte nach einem neuen, übergeordneten Ziel NACH der Chemo, getreu dem Motto von Max Frisch «Krise ist ein produktiver Zustand, man muss ihr nur den Beigeschmack der Katastrophe nehmen.» Ihr Plan hiess Mount Everest. Während sie noch mit den Auswirkungen der Chemotherapie zu kämpfen hatte, las sie alles was ihr in die Finger kam über die Besteigung des höchsten Berges.

Sie plante genau und minutiös, wie sie aus dem tiefsten Tal einer Krise auf den höchsten Berg der Welt kommen konnte. Lang und beschwerlich war der Weg von der Couch aufzustehen, mit dem Training zu beginnen, zuerst langsam, Schritt für Schritt, dabei erleben zu können, es ging von Mal zu Mal besser. Und immer hatte sie das Ziel vor Augen; einmal auf dem Dach der Welt zu stehen. Neben dem spannend beschriebenen physischen Weg, dem schier endlosen Weg des Trainings, ist es der innere Weg der beeindruckt.  

Jedem kann es passieren, das Schicksal schlägt plötzlich zu, nichts ist mehr, wie es war, das Weitergehen auf dem bisherigen Lebensweg wird unmöglich. Diese Tatsache muss angenommen, akzeptiert werden, bevor man sich auf die Suche seines eigenen Mount Everest machen kann. Die Autorin zeigt, Träumereien wären da absolut fehl am Platz und würden nur zu neuen Enttäuschungen führen, nein, das Ziel muss realistisch sein. Allein zu erkennen, zu wissen, was ich von mir fordern, aber auch was ich mir zutrauen kann, ist harte Knochenarbeit. Dazu muss man die eigenen Stärken und Schwächen kennen und danach handeln, das ist die Grundvoraussetzung, um das gesetzte Ziel zu erreichen. Genau dafür macht das Buch von Heidi Sand Mut. Mut es zu versuchen und seine Zukunft in die Hand zu nehmen und wenn noch so viele Umwege nötig sind.

Mir gefällt der ursprüngliche Titel dieses Buches der lautete: »Wer sich hinsetzt, hat verloren.» Wer einmal losgeht, wer sich einmal auf den Weg macht und nicht sitzen bleibt, der wird immer neue Wege finden. Dieses Lebensmotto von Heidi Sand werde ich gerne übernehmen, es motiviert mich, dass Ihnen das auch gelingt, das wünsche ich jeder Leserin und jedem Leser dieses sehr interessanten Buches.

Auf dem Gipfel gibt's keinen Cappuccino

Heidi Sand: Auf dem Gipfel gibt’s keinen Cappuccino

ISBN 978-3-907126-31-8

Erschienen im kurz-und-buendig-verlag

www.kurz-und-buendig-verlag.com

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