Auszug aus dem Buch Frauen lassen Frauen nicht im Regen stehen | 2. Teil: Kassensturz – Die Kindheit

Julia Onken, 28.01.2020

Frauen lassen Frauen nicht im Regen stehen

Kassensturz

Ich habe es bereits erwähnt: Frauen verdienen nicht nur weniger, sie besitzen auch weniger Vermögen. Wir gehören also noch immer zu den Verliererinnen unserer Gesellschaft, diese lange Tradition wirkt in jeder unserer Zellen. 

Die Zeit des Jammerns und der Anklage aber lassen wir aber besser hinter uns. Dennoch lohnt es sich, einen Blick zurück in die eigene Geschichte zu werfen, damit wir eine Ahnung erhalten, wer wir eigentlich sind. Denn der eigene Erfahrungshintergrund wirkt lebenslang wie ein unsichtbares Magnetfeld. Aus der Psychoanalyse wissen wir, dass uns die ersten Lebensjahre entscheidend prägen und uns weitgehend beeinflussen, wie wir das spätere Leben gestalten und erleben. Philosophische Konzepte weisen darauf hin, dass der Mensch sich über sein Denken erfährt, dass er zwar über seine Sinne die Welt erlebt, aber seine Denkzentrale letztlich alles erfasst, bewertet und archiviert. Die Hirnforschung weiss längst, wie sich das Hirn durch die Umgebung und die damit verbundenen Eindrücke ausbildet, wie es Antennen herausbildet, Vernetzungsmuster entstehen lässt, die lebenslang für unsere Art, wie wir die Welt erleben und unser Leben gestalten, verantwortlich sind. Das vielfältige Angebot spiritueller Konzepte macht sogar geltend, dass wir nicht als unbeschriebenes Blatt auf die Welt kommen, sondern bereits vorgeburtlich oder gar noch früher, also vor der Zeugung, als Tendenzengefüge mit Informationen ausgestattet werden, die sich nach der Geburt bemerkbar machen und sich in besonderen Neigungen zeigen. Selbst wenn die Suche nach der Wahrheit und dem Hintergrund unseres Gewordenseins erfolglos bleibt, sollte es dringlich zur Grundausbildung gehören, wenigstens über sich eine leise Ahnung zu erhalten. 

Zwar lesen wir selbstverständlich die Gebrauchsanleitung einer Kaffeemaschine, bevor wir sie in Betrieb setzen oder sind dazu bereit, uns durch die nicht selten schwierigen Computer-Handbücher durchzuquälen – handelt es sich aber um die Funktion unserer eigenen Psyche, wollen wir möglichst wenig darüber erfahren. Wer aber von sich keine Ahnung hat, weiss auch nicht, weshalb er auf der Welt ist. Wer sich nicht kennt, kennt seine Ziele nicht und lässt sich leicht für fremde Zwecke einspannen. Wer über seine Handlungsspielräume nicht im Bilde ist, weiss nicht, wie mit sich umgehen, gerät mit sich selbst leicht in Schwierigkeiten und stolpert immer wieder über seine eigenen Füsse. 

Wer also mehr über sich weiss, weiss auch mehr über andere. Und wer mit sich in einem guten Einvernehmen lebt, kommt auch mit anderen klar. Religionsphilosoph Martin Buber bringt es nicht nur auf den Punkt, er führt diese Weisheit zugleich in eine weitere Dimension:

Wozu soll ich mich auf mich selbst besinnen,
wozu meinen besonderen Weg erwählen,
wozu mein Wesen zur Einheit bringen?

Die Antwort lautet: nicht um meinetwillen
Bei sich beginnen, aber nicht bei sich enden;
von sich ausgehen, aber nicht auf sich abzielen;
sich erfassen, aber sich nicht nur mit sich befassen.

Wohl soll jede Seele sich erkennen, sich läutern, sich vollenden,
aber nicht um ihrer selbst willen,
nicht um ihres irdischen Glücks,
auch nicht um ihrer himmlischen Seligkeit willen,
sondern um des Werkes willen...

Nilus der Ältere († 430; Heiliger und Kirchenvater) wiederum schreibt in einem Brief an einen jungen Mönch: «Vor allem erkenne dich selbst. Denn nichts ist schwieriger, als sich selbst zu erkennen, nichts mühevoller, nichts verlangt mehr Arbeit. Doch wenn du dich selbst erkannt hast, dann wirst du auch Gott erkennen können.» Die Frage «Wer bin ich?» ist also uralt, bereits Aristoteles sprach von der Lebenskunst im Umgang mit sich selbst, und viele grosse Denker wie beispielsweise Seneca, Montaignes, Nietzsche oder Foucault führten diese Tradition weiter. 

Wir sind also in guter Gesellschaft, und die Beschäftigung mit sich selbst und seinen Wurzeln ist weder eine neue Wellnessveranstaltung noch eine narzisstische Pirouette um die eigene Person, sondern eine ernsthafte Auseinandersetzung mit sich als Mensch – und letztlich mit der ganzen Menschheit. 

Wenn ich mich hier auf eine kurze Forschungsreise nach meiner eigenen Geschichte aufmache, dann deshalb, weil ich durch die Arbeit mit Frauen etwas Wichtiges gelernt habe: Es gibt sowohl individuelle Lebenserfahrungen als auch kollektive Erlebnisweisen. Erzähle ich also über mich, spreche ich gleichzeitig das aus, was auch andere fühlen und denken. Viele erkennen sich entweder in Teilen und Bruchstücken meiner Schilderungen – oder aber durch eine klare Abgrenzung, welche die eigene Position sichtbarer und deutlicher macht. 

Um mehr über sich zu erfahren, gibt es einen unsichtbaren, oft aber zielführenden Navigator. Diesem im Rückblick auf die Schliche zu kommen, lässt einen etwas erschauern und die Vermutungen keimen, ob da nicht doch irgendwo ein Regisseur sitzt, der die Fäden unseres Lebens zieht. Spätestens bei diesem Thema, werden wir mit unserem Welt- und Menschenbild konfrontiert. Ein Blick in die eigene Kindheit gibt Auskunft, gab es da einen Gott für die bösen Menschen oder einen liebenden Vater für die guten Kinder? Oder ist doch alles zufällig hingeworfen, der eine hat Pech, die andere eben Glück? Gibt es ein ausgeklügeltes Schicksalssystem, das bei den einen immer wieder zuschlägt, während andere davor verschont bleiben?



Die Kindheit

Denke ich über mein Leben nach, ist trotz mancher Wirrungen ein roter Faden zu erkennen, der mich – auch wenn nicht immer freiwillig – exakt dorthin führte, wo ich heute stehe. Als junge Frau wollte ich nur eines: ein sorgenfreies Leben an der Seite eines Mannes führen, umsorgt, versorgt, behütet. Glücklicherweise hat das nicht geklappt. Mein Leben hat mich auf einen Weg geworfen, auf dem ich selbstbestimmend und selbstverantwortlich mein Leben in die Hand nehmen musste. Freiwillig hätte ich wohl niemals Bücher geschrieben, eine Schule aufgebaut und einen Bildungsfonds gegründet. Heute – mit 76 Jahren – bin ich erfüllt und beglückt von meiner Arbeit, die ich täglich mit grosser Dankbarkeit ausübe. Als mich kürzlich jemand fragte, wann ich in die Ferien fahre, antwortete ich: «Ich bin bereits in den Ferien, denn mein Beruf ist mir die grösste Freude.»

Berichte ich an dieser Stelle über mich, möchte ich damit andere anregen, der eigenen Geschichte nachzugehen, um eventuell den roten Faden, der sich meist unsichtbar durch ein Leben und Handeln spannt, zu erahnen. 

Hier also zusammengefasst, meine Herkunft und Kinderjahre. Aufgewachsen bin ich in einem ziemlich komplizierten Familiengebilde, das mehr einem exotischen, verästelten Knollengewächs entspricht als einem wohlgeordneten, nach schweizerischem Ordnungssinn gestalteten System. Meine Position, von Anfang an problematisch, eher ein Fremdkörper, der sich nicht so richtig in dieses Gebilde einbinden liess. Eine ausserplanmässige Existenz also, denn sie passte nicht. Niemandem: Meiner Mutter nicht. Meinem Vater nicht. Und meinen zahlreichen Halbschwestern ebenfalls nicht. Die Schwangerschaft mit mir sollte unterbrochen werden, doch meine Mutter weigerte sich standhaft, was zur Folge hatte, dass sie die Konsequenz alleine auszulöffeln hatte. Ich war also von Anfang an ein Mutter-Kind, vom Vater übersehen, von den Geschwistern ignoriert.

Die familiäre Situation liesse jeden Familientherapeuten – gleich welcher Richtung – mit Freude erfüllen, denn unter solchen Umständen gibt es für sie viel zu tun, zu ordnen und aufzuarbeiten. Die Familienmitglieder, nach griechischem Tragödienmodel mit sämtlichen Schwächen und Triebkonfigurationen ausgerüstet und in einem Drama mit unendlich vielen Fortsetzungen vereint, spielten ihre Rollen virtuos. Obwohl die erste Gemahlin meines Vaters bereits gestorben war, lebte sie in unserem Kreis auf geisterhafte Weise weiter. Aus der Ehe gingen vier Töchter hervor, sie muss sehr glücklich gewesen sein, denn mein Vater liess sich nicht davon abhalten – obzwar er wieder verheiratet war – regelmässig den Tag der ersten Eheschliessung zu feiern, ebenso die Silberne, Goldene und später auch noch die Diamantene Hochzeit, um die besonderen Vorzüge der ersten Gemahlin hoch leben zu lassen. Er ersetzte die Tote durch die zweite Ehefrau, also meine Mutter, diese war aber unwürdig, der ersten das Wasser reichen zu können, zudem dreissig Jahre jünger als ihr Ehemann und jünger als ihre Stieftöchter. 

Meine Mutter versuchte, den schwierigen Verhältnissen einigermassen gerecht zu werden, sie hatte in diesem Drama eher die Rolle einer zudienenden Magd zu spielen. Während sie sich irgendwie einzuordnen versuchte – was ihr mehr schlecht als recht gelang – blieb ich, in einer undefinierbaren Nebenrolle, irgendwie dabei und doch nicht dazugehörig, randständig also, und blickte eher aus einer aussenseitigen Perspektive dem Schauspiel zu. Ich beobachtete, 

zeichnete die Geschehnisse wie eine Kamera auf, zu verstehen begann ich sie aber erst weit später. 

Es wäre glatt gelogen, zu behaupten, meine Position sei mir unangenehm gewesen oder ich hätte gar gelitten. Es war eher das Gegenteil der Fall. Ich schaute dieser eigenartigen Familie zwar interessiert zu, gelegentlich mit angewiderter Faszination, immer aber aus einer gewissen Distanz, wie wenn ich einem spannenden, aber unverständlichen Spielfilm folgen würde. Die Tendenz, an Geschehnissen mit kritischem Abstand zwar dabei zu sein, ohne mich damit komplett zu identifizieren, habe ich bis zum heutigen Tag beibehalten. Diese Position erlaubt Freiheiten, alles zu hinterfragen oder gar in Frage zu stellen. Hätte ich im familiären Regelwerk einen festen Platz mit klar umrissener Position eingenommen, wäre ich wohl nie dazu gekommen. 

Da meine Mutter im familiären System ebenfalls keinen Platz fand, lag es auf der Hand, dass wir uns zusammenschlossen – und zwar eng, sehr eng. Sie war für mich nicht nur meine engste Vertraute, sondern gleichermassen Garantin einer liebenden Rundumgeborgenheit. Sie arbeitete in der Fabrik als Näherin, ich war mir tagsüber selbst überlassen, was einem beinahe paradiesischen Zustand gleichkam. Es stand mir ein grosser, mit vielen Obst-, Beeren- und Gemüsestauden ausgestatteter Garten zur Verfügung, ebenso eine weit in den Himmel hinauf schwingende Schaukel, ein achteckiges, mit holperigen Steinplatten ausgelegtes Gebilde, das als Rollschuhfeld vorzügliche Dienste leistete, und ein winziges überwachsenes Rebhäuschen, im Sommer sogar mit ein paar kümmerlichen dunkelblauen Trauben verziert. Ich war also stets gut versorgt und beschäftigt, und ich kann mich nicht erinnern, nur ein einziges Mal unter Langeweile gelitten zu haben. 

Die Schule absolvierte ich quasi nebenbei, sehr gute Noten waren selbstverständlich und gaben wenig Anlass für Beachtung, bestandene Prüfungen ebenfalls nicht. Das wirkliche Leben ereignete sich für mich eh woanders, in der Fülle meiner eigenen Gedankenwelt. Es ist kaum verwunderlich, dass ein Kind, das sich in einer derart üppigen Natur erlebt, die Dynamik der zahlreich stattfindenden familiären Scharmützel und Streitigkeiten einfach ausblendet und sich in die eigene, aufregende Welt zurückzieht. 

Abends holte ich meine Mutter am Fabriktor ab, ich erzählte ihr alles, was ich gespielt, welche gedanklichen Flüge ich absolviert hatte, es gab nichts, was ich vor ihr verheimlicht hätte. Ihr ungebrochenes Interesse an mir und meinen Gedanken gab mir Sicherheit und das unauslöschbare Gefühl, dass das, was ich denke und sage, von grosser Bedeutung ist. So wuchs ich ziemlich ungezwungen und vogelfrei auf, meiner Fantasie wurden keine Grenzen gesetzt, es gab beinahe nichts, was es nicht gab, in einer unumstösslichen Gewissheit, geliebt zu werden, und zwar genau so, wie ich bin. Im Nachhinein denke ich, dass ich in der Beziehung zu meiner Mutter ein grosses Kapital an Zuversicht mitbekommen habe, meine gedanklichen Ausflüge seien besonders wichtig. Ich erlebe das, wenn ich zum Beispiel einen Vortrag halte: Ich komme einfach nicht auf die Idee, irgendjemand könnte meine Ausführungen nicht interessieren. Werde ich hinterher kritisiert, nehme ich dies zur Kenntnis – oft kann ich der Kritik sogar zustimmen – aber die Stimmen vermögen niemals meine innere Sicherheit zu erschüttern. Als mir später durch die vielen Kontakte mit anderen Frauen bewusst wurde, dass mangelndes Selbstvertrauen zur häufigsten Frauenkrankheit schlechthin zählt und dafür verantwortlich gemacht werden muss, dass Frauen noch immer zu den Verliererinnen unserer Gesellschaft zählen, war ich zutiefst beunruhigt. Es veranlasste mich dazu, die dahinterliegenden Gründe zu erforschen – und mögliche Gegenprogramme zu entwickeln. 

Aus meiner Kinderzeit gäbe es viel zu erzählen: von sehr heiteren und glücklichen, aber selbstverständlich auch von betrüblichen Stunden. Die Tatsache, dass meine Eltern eigentlich nicht 

zusammenpassten, war für mich oft Gram genug. Ich fragte mich immer wieder, wie zwei Menschen zusammenfinden konnten, die nichts miteinander zu tun haben wollen. Bereits die äusseren Parameter passten nicht. Mein Vater war nicht nur deutscher Staatsangehöriger, sondern mächtig stolz darauf. Er hatte im ersten Weltkrieg gegen die Russen gekämpft, dass er unversehrt daraus hervorging, verbuchte er mit Stolz auf sein kriegerisches Geschick. Obwohl er in der Schweiz lebte, wollte er die Schweizer Staatsbürgerschaft nie und nimmer annehmen, selbst wenn er sie geschenkt bekommen hätte. Gross und aufrecht schritt er sonntags zur Kirche, betete laut und sang falsch, aber immer mit inbrünstiger Leidenschaft. 

Meine Mutter, aus einer schweizerischen, deutschfeindlichen Bauernfamilie stammend, das blanke Gegenmodell, zurückhaltend bis gehemmt, feinfühlend und anpassungsergeben. Grösser konnten die Unterschiede zwischen den beiden nicht sein. Sie behalfen sich damit, dass sie kaum miteinander sprachen, gelegentlich ein Fluch meines Vaters, über den Mittagstisch geworfen, als Antwort  ein verdrückt zurückgehaltenes Schluchzen meiner Mutter. Das war es dann schon. Meine Mutter litt stumm und in sich gekehrt. Depressive Verstimmungen waren die Folge, und weil ich dicht an ihrer Seite war und die Welt aus ihrer Perspektive erlebte, nahm ich alles auf, hörte das Gras wachsen, wusste haargenau, was sie fühlte, welche Qualen sie durchzustehen hatte. Gleichzeitig aber verfügte ich über ausgeklügelte Möglichkeiten, sie aus der Trostlosigkeit herauszulocken, sie zu erheitern. Ich wusste mit der Zeit, welche Worte es bedurfte, um sie aus dem Labyrinth innerer Verzweiflung herauszuführen. So hatte ich also bereits in meiner Kindheit in meinen zukünftigen Beruf der Psychotherapeutin Einblick erhalten. Später musste ich mir dazu die theoretischen Konzepte aneignen.

Da ich nicht rundum im familiären Gefüge aufgehoben war, glich ich diesen Mangel in der Kirchengemeinschaft aus. Das Zeitgefüge meiner Kindheit war mit sich wiederholenden Kirchenfesten durchgetaktet, diese vermittelten mir eine Zugehörigkeit im grösseren Verbund, so wie es heutzutage für andere Fernsehserien tun: Neujahr – Buss- und Fastenzeit – Palmsonntag – Karfreitag – Ostern – Christi Himmelfahrt – Pfingsten – Fronleichnam – Maria Himmelfahrt – Allerheiligen – Maria Empfängnis – Weihnachten. Die bunte Folge kirchlicher Inszenierungen erfreute mich, da kam doch einiges zusammen, was eine kindliche Fantasie in Bewegung setzen konnte. Jede Festlichkeit mit entsprechenden Insignien und Requisiten ausgeschmückt und mit Weihrauch umnebelt, assortiert von kostümbildnerischen Meisterwerken bestickter Roben in betörenden Farben: Ob es ein kardinalroter Umhang war, ein tiefgründiges Violett, das da zwischen schneeweissen Spitzen hervorlugte, oder ein weit schwingendes, marzipangrünes, mit kobaltblauen Sternen übersätes Cape, immer war es ein Schauspiel von besonderer Art. Und wenn noch die Orgel von der Empore herab dröhnte oder Trompetentöne in die Kuppe hinauf pfeilten, drang diese pralle Sinnenwelt in jede meiner Zellen. Ich kenne jeden Faltenwurf, jede verschwurbelte Krümmung des pechschwarzen, in symmetrische Pfauenräder gegliederten Chorgitters, das Sitzen auf ungastlichen Holzbänken sowie das Knien auf den für Kinder etwas ungeeigneten Betstühlen. Aber die überwältigende Pracht der Klosterkirche St. Ulrich, einem ehemaligen Augustinerstift in Kreuzlingen, entschädigte mich und hielt mich in seinem Banne mit seinen beeindruckenden Deckenmalereien: Moses mit der ehernen Schlange, die Holzfiguren in der Ölbergkapelle mit Gnadenkreuz auf dem Kalvarienberg, den aus Buchenstücken zu Grottenwerk gestalteten Ölberg, und allem voran die überlebensgrossen Statuen der Kirchenpatrone St. Ulrich und St. Afra, die als Wächter posierten, gigantisch und machtvoll. 

Ich war ein sehr katholisches Kind, aber längst nicht ausschliesslich der Frömmigkeit wegen. All die Sinneswelten beeindruckten mich weit mehr als die inhaltlichen Aspekte der Kirche, die ich überdies nicht verstehen konnte, vor allem die Sache mit der Dreifaltigkeit machte mir grosse Mühe. Dieses Durcheinander von Zuständigkeiten erinnerte mich stark an meine eigene ungeordnete Familie. Gelegentlich fühlte ich mich dennoch als Kind Gottes, das sich bittend an den Vater im Himmel wandte. Regelmässig vor Weihnachten nahm ich mit ihm Kontakt auf und ersuchte ihn, dafür zu sorgen, dass die Eltern wenigstens an Heilig Abend nicht im Streit aneinandergerieten. Obwohl er meine Bitte nie erfüllte, war ich darüber nicht enttäuscht, sondern entschuldigte ihn, indem ich mir sagte, er habe wahrscheinlich in noch grösserem Ungemach nach dem Rechten zu sehen. 

Der katholische Vater unterhielt eine sehr unkomplizierte, ja beinahe kumpelhafte Beziehung zu seinem Gott, er unterhielt sich mit ihm laut und diskutierte dabei sogar politische Situationen, nicht ohne ihm grosse Vorwürfe für seine passive Haltung zu machen, vor allem, was die Ereignisse in Deutschland betraf. Die Mutter war in Glaubenssachen zurückhaltender, ursprünglich irgendeiner Sekte angehörig, blieb der Kirche fern. So war es für mich klar, mich an den deutschen lieben Gott zu richten, der mir sehr viel umgänglicher erschien. Ich marschierte in den Kinderjahren jeden Sonntag an der Seite meines Vaters zur Messe. Mit der Pubertät war es damit dann jäh aus und vorbei. Er setzte sich für ein halbes Jahr nach Amerika zu seinen Töchtern aus der ersten Ehe ab, und als er wieder zurückkehrte, war ich ihm abhanden gekommen. 

Fortsetzung folgt...

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