Auszug aus dem Buch "Frauen lassen Frauen nicht im Regen stehen" | 5. Teil: "Bitte nicht weiter empfehlen" – Wenn Frauen zwar wollen aber nicht können – Der Kreis schliesst sich

Julia Onken, 28.02.2020

Feuerzeichenfrau - Ein Bericht über die Wechseljahr

"Bitte nicht weiter empfehlen"

Der C.H.Beck Verlag machte das Buch «Feuerzeichenfrau» noch bekannter, nun kamen auch viele Anfragen für Vorträge, Workshops und Seminare aus Deutschland und Österreich, Holland und Frankreich dazu. Das brachte mich allmählich an den Rand meiner Möglichkeiten. Herumreisen, Vorträge halten, Seminare und Tagungen leiten – neben all den anderen Aufgaben. Irgendwo an einem Flughafen ankommen, sich fremd fühlen, nicht wissen, wo ich ein Taxi finde, in welchem Hotel ich wohl dieses Mal untergebracht werde. Ich erinnere mich, wie ich eines Abends heulend in einer miesen Absteige in Berlin auf dem Bett sass und nur noch eines wollte: nach Hause. Vor allem die Reiserei setzte mir zu, oft dachte ich, dass das alles mit dem wirklichen Leben nichts mehr zu tun habe. Ich litt unter Heimweh – mir altbekannt aus Kindertagen, schon damals hat es mir missfallen, auf Schulreise zu gehen, mich von meiner Mutter zu trennen. Nun vermisste ich meine Familie und auch meine Hunde. Jedes Mal, wenn ich in der Fremde einen Vierbeiner entdeckte, rannte ich zu ihm hin, um kurz in seinem Fell zu kraulen. 

Eine Achterbahn der Gefühle, auf der ich das machte, was ich mir schon in der Jugend verinnerlicht hatte: zu beobachten. Ich identifizierte mich nicht mit der problematischen Situation, in der ich steckte, ich stellte alles unter Beobachtung, die äussere Faktenlage genauso wie meine Affekte, die mit ihr in Verbindung standen. Dabei ist mir folgendes aufgefallen: Die Veranstaltungen, an denen ich teilnahm, wurden allesamt von Frauen organisiert, und diese waren ausnahmslos darum bemüht, die Kosten möglichst tief zu halten. Was dazu führte, dass ich oft in einer günstigen Dorfkneipe untergebracht wurde: ein Bett, ein Tisch, ein Stuhl. Toilette mit andern Übernachtungsgästen auf dem Gang. Irgendwann hatte ich davon genug, ich streikte und war nicht mehr willens , mich derart einschränken zu lassen, also machte ich meine Teilnahme von einer komfortablen Unterbringung abhängig. Einige Frauen reagierten ziemlich sauer auf meine Forderung, bezeichneten mich als zickig oder zumindest als höchst anspruchsvoll. 

Dieses Muster zeigte mir, wie sehr das weibliche Hirn bereits Schaden genommen hatte, bedingt durch die Erfahrungen, die wir Frauen seit Generationen sammeln: «Nur das Geringste, Billigste und Schäbigste ist gut genug für mich – und damit auch für andere.» Dahinter wirkt jenes miserable Selbstwertgefühl, das uns Frauen noch immer hemmt und keinen Schritt vorwärts gehen lässt. Wir fordern Quoten, da es uns nicht gelingt, uns selber selbstbewusst in Stellung zu bringen, – weil wir immer noch das Dankbarkeits-Gen in uns nähren und uns nicht auf unsere Kompetenzen berufen, welche wir der Welt zu bieten haben. Wir schuften noch immer wie unsere Mütter und Grossmütter rund um die Uhr und finden uns mit mieser Bezahlung ab. Wir lesen Bücher über das Gelingen einer glücklichen Partnerschaft, halten aber selbst an unzumutbaren Beziehungen fest. Und wundern uns dann, dass uns dabei allmählich die Lebensfreude abhandenkommt. Dieses mangelnde Selbstbewusstsein zieht sich wie ein roter Faden durch weibliche Biografien, das spiegelte sich auch in den vielen Leserinnenbriefen, die ich erhielt– selbst bei Frauen mit Berufs- oder Studienabschluss vermasselte dieses zutiefst verankerte Unwertgefühl den sicheren Flug durchs Leben.

Da ich mich mit Frauen in einem intensiven Austausch befand und über die Jahre ihre hintersten und geheimsten Gedankennischen kennen lernte, kam es mir vor, als sei ich auf Forschungsreise durch den weiblichen Kontinent. Einiges kannte ich aus meinem eigenen Leben, anderes enthüllte sich mir erst durch Schilderungen, wie zum Beispiel das beschriebene Grundgefühl, unwert zu sein, mir selber war es fremd. Ich hatte ja in meinen ersten Lebensjahren von meiner Mutter die Gewissheit erhalten, dass sie mich über alles liebte, und damit ein grosses Kapital – wie auch immer und was auch immer ich tat, ich hatte ihr ungebrochenes Interesse. Ich konnte andern von diesem Übermass, das ich in mir trug, gut etwas abgeben, und ich muss sagen, wenn ich mit Frauen zusammen bin, spüre ich in mir ein wenig mütterliche Liebe und lasse sie anderen auch zukommen. 

Wechseljahrkurse

Ich wusste also sehr wohl, was Frauen bewegt und beschäftigt. Irgendwann knüpfte ich diametral verlaufende Aspekte zusammen und die Idee war geboren: Ich wollte Lehrgänge, Kurse und Seminare für Frauen entwickeln, die sowohl auf das Thema Wechseljahre als auch deren Kompetenzstärkung zielten. Es sollte eine hochkarätige Ausbildung werden – also keine schnelle Nummer, husch-husch, ein oder zwei Wochenende lang. Mir waren aus der Psychotherapiebewegung einige abschreckende Beispiele bekannt, in denen Methoden im Schnellverfahren vermittelt werden und hinterher verheerend zur Anwendung gelangen. 

Das war vor über 20 Jahren, damals liess sich wenig Literatur über die gezielte Ausbildung für Kurs- und Seminarleitung finden, daher musste ich alles selbst zusammensuchen und zu einem brauchbaren Konzept weiterentwickeln. 

Ich fertigte Zeichnungen an, damit ich mir ein möglichst genaues Bild von den auszubildenden Bereichen machen konnte. Es kristallisierten sich drei unterschiedliche Ebenen heraus:

• Eine Person soll in einem guten Selbstkontakt mit sich selber stehen. Denn wer andere unterrichten möchte, muss auch eine Ahnung von sich selbst haben. Aus meiner psychotherapeutischen Ausbildung wusste ich, dass es sogenannte Basics gibt, die ein Therapeut oder eine Therapeutin zu erfüllen hat, damit die Therapien überhaupt funktionieren: Empathie, sich einfühlen in die Situation anderer, den anderen so akzeptieren, wie er oder sie ist, und Kongruenz, also Echtheit, Authentizität und Wahrhaftigkeit.

Also entwickelte ich dazu Lerninhalte, die genau diese Kompetenzen schulen. Dafür rückte ich die Gesprächsführung von Carl Rogers – die mir aus meiner therapeutischen Ausbildung bestens bekannt war – ins Zentrum. Somit konnte ich zwei Fliegen auf einen Schlag erledigen: Die Erhöhung von Selbstkompetenz einerseits und ein wunderbares Instrument, um Gespräche zu führen andererseits.

• Wer Inhalte unterrichten will, benötigt methodisches und didaktisches Rüstzeug. Da ich ja selbst gerade dabei war, diese Instrumente für mich und meine Seminartätigkeit zu entdecken, entwickelte ich aus meinem Erfahrungsbereich laufend neue dazu. 

Während meines Psychologiestudiums hatte ich mehrere Praktika bei Professoren assistiert und dabei viel lernen können. Es war mir klar, dass Gruppenleitung ohne Wissen über Gruppendynamik nicht funktioniert. Mehr noch, durch fundierte gruppendynamische Kenntnisse erwirbt man sich auch ein zusätzliches Instrument der Selbsterkenntnis. Schliesslich ist die erste Gruppe die eigene Familie. Die Erfahrungen, die wir darin gemacht haben, werden in Gruppenerlebnissen belebt, können dadurch analysiert werden und geben damit Auskunft über die eigene Erlebniswelt. 

• Fachwissen zum Bereich «Wechseljahre» sind elementar. Hier allerdings musste ich sehr lange überlegen, wie ich dieses definieren könnte. Da ich in meinem Buch «Feuerzeichenfrau» proklamierte, dass es sich dabei nicht um eine Krankheit, nicht ausschliesslich um ein körperliches Phänomen handelt, sondern vielmehr um den Auftakt in eine neue Lebensphase, konnte der medizinische Aspekt nicht im Zentrum stehen. Zudem fand ich diesen Punkt langweilig. Ich hatte zuvor mit einer befreundeten Frauenärztin den Versuch gestartet, gemeinsam Tagungen durchzuführen. Frauen wollten vor allem wissen, welche Medikamente sie gegen Hitzewallungen schlucken können. Und genau darum ging es mir nicht. Ich wollte die psychologischen Aspekte des Wandels, des Neubeginns und der Gestaltung in den Vordergrund stellen. Diese Entscheidung hat sich als richtig erwiesen. Zu erleben, wie Frauen von überall an unsere Tagungen anreisen, zum Teil bereits ziemlich niedergeschlagen über das, was sie in den Wechseljahren erlebten und mit neuen Impulsen wieder nach Hause zurückkehren, ist ein grosses Geschenk. Wenn sie davon erfahren und begreifen, dass es sich nicht um einen Abbau, sondern einen Neuanfang handelt, also nicht um einen Mangel, der mittels Medikamenten korrigiert werden muss, fällt eine grosse Last von ihnen ab. Und sie nehmen neue Möglichkeiten mit in ihr späteres Leben, die gestaltet werden wollen.

Da ich mich bereits mit feministischer Linguistik beschäftigt hatte, wusste ich, dass Frauen nicht nur anders sprechen, sondern auch anders denken und lernen. Kann Theorie mit der eigenen Erlebniswelt in Verbindung gebracht werden, um eigene Erfahrungen damit zu verknüpfen, ist der Lernerfolg grösser. Das erste Curriculum zur Ausbildung für Kursleiterinnen hatte ich exakt nach diesem Modell ausgearbeitet und freute mich auf die Umsetzung. 

Ich konnte an nichts anderes mehr denken und war ständig mit Notizheften in der Tasche unterwegs, um alle Gedankenblitze darin festzuhalten, ja sogar in meinen Träumen beschäftigte ich mich mit meinen Plänen. Ich träumte, ich würde eine Schule für Frauen gründen, die zum Ziel hat, psychologische Gesetzmässigkeiten zu vermitteln. Zwar wusste ich nicht, wie man eine Schule aufbaut, was es dabei zu berücksichtigen gilt, aber das störte mich nicht. Schliesslich hatte ich dank meiner Lehre eine gründliche Ausbildung zur Verwaltung administrativer Vorgänge erfahren und wusste über die damals zur Verfügung stehenden Instrumente bestens Bescheid. Dann kam prompt der nächste Traum. Ich beobachtete einbeinige Menschen, wie sie versuchten, zu tanzen. Noch träumend dachte ich, das kann nicht gut gehen – wer tanzen will, benötigt zwei Beine. Als ich aufwachte, konnte ich den Traum nicht verstehen, doch er wiederholte sich in mehreren Nächten. Beunruhigt grübelte ich darüber nach, blätterte mich bei C.G. Jung durch die verschiedenen Traumtheorien, um verstehen zu können, was mir die Traumbilder sagen wollen, blieb aber ratlos. Dann kam unerwartet die Wende. In den regelmässig stattfindenden Besprechungen des Instituts, wo ich in Teilzeit angestellt war, sagte ein Kollege den Schlüsselsatz: «Ich finde es schön, dass du wenigstens mit einem Bein bei uns arbeitest.» Ich stutzte, bat ihn, den Satz zu wiederholen, was er tat. Die Aussage des Traumes war klar, und ich antwortete: «Hiermit teile ich mit, dass ich meine Stelle kündige. Ich werde eine Schule gründen, dazu muss ich auf beiden Beinen stehen.» Niemand konnte mich verstehen, mehr noch, alle hielten mich für verrückt. «Wie kann man nur so blöd sein und einen festen Job für etwas an den Nagel hängen, das noch in den Sternen steht?» Nur einer fand die Idee schlüssig: Felix. «Jawohl, das kannst du», sagte er ohne geringste Vorbehalte.

Im Rückblick allerdings muss ich sagen, dass es ziemlich kühn war, auf die Arbeit mit festem Einkommen zu verzichten. Aber auch diese Signatur scheint sich durch mein Leben zu ziehen, ich bin irgendwie ohne Netz und doppeltem Boden unterwegs. Ich gehe davon aus, dass es grundsätzlich keine Absicherung vor Unbill im Dasein gibt und es weit lohnender ist, sich auf alles einzulassen, was das Leben zu bieten hat. Ich halte nichts davon, am Ufer des Meers zu stehen und sich vor den grossen Wellen zu fürchten, während sich mein Schutzengel langweilt, sich eine Zigarette anzündet und mit seinen Schwingen Figuren in den Sand zeichnet. Ich bin sicher, in dem Moment, in dem ich ins Wasser springe, kommt er unverzüglich herbeigeflogen und beschützt mich, damit ich nicht untergehe. 

Der erste Lehrplan nahm allmählich Formen an, Lernziele waren formuliert, Lehrinhalte aufgelistet, ausgeklügelte Leitfäden für jeden Kurstag methodisch und didaktisch erarbeitet, Kursunterlagen erstellt. Und weil eine Schule einen Namen benötigt und die ersten Seminare in der Seeburg in Kreuzlingen stattfinden sollten, am Ufer des Bodensees, war auch der Name gegeben: Frauenseminar Bodensee. Dieser Ort war mir überdies sehr vertraut. Ich spielte bereits als Kind in dessen Park, vor allem mit den Kindern aus dem dazugehörigen Gutsbetrieb in einem baufälligen Waschhäuschen. Einmal fiel die ganze Kindergruppe durch den morschen Boden ins untere Geschoss, ohne davon Schaden zu nehmen, im Gegenteil wir fanden es sehr lustig.

Nun musste ich lediglich Frauen bekannt geben, dass ich einen Lehrgang anbiete – und schon kam der erste Ausbildungsgang zustande. Dem ersten Lehrgang – er zog sich über ein Jahr – folgte nach wenigen Monaten parallel der nächste. 

Es gab bereits Wartelisten, womit ich nicht gerechnet hatte. Aber ich konnte Teilnehmende in die praktische Arbeit einführen und sie an grossen Tagungen, an denen über 50 Frauen teilnahmen, mit kleineren Aufgaben betrauen. Nach Abschluss der Ausbildung machten sie den Sprung in die Selbstständigkeit und leiteten selber Kurse und Seminare – ich freute mich sehr darüber, nicht ganz uneigennützig, denn damit fiel etwas Last von meinen Schultern. Ich konnte Anfragen an die Absolventinnen weiterleiten, ja, mehr noch, da mich meine Medienpräsenz zusätzlich beanspruchte, und ich gebe es zu, auch nervte – ich glaube, man stellt sich das viel zu rosig vor – brachte ich immer wieder geeignete Frauen ins Spiel, die dann für einen Fernsehauftritt angefragt wurden.

Das Frauenseminar Bodensee wuchs zunehmend, ich stellte Dozentinnen ein. Längst war es mir nicht mehr möglich, die Administration selbst zu erledigen, also kam eine Sekretärin dazu. Dann mietete ich eigene Seminarräume mit allem Drum und Dran. Wir trieben die Professionalisierung voran, und damit war ich auch gezwungen, einen Finanzierungsplan zu erstellen: das heisst, Berechnungen anstellen, Kurskosten errechnen, und zwar so, dass die Einnahmen die Ausgaben möglichst decken. Die Schule wuchs ständig, und mit ihr wurden die Aufgaben und Verpflichtungen grösser. 

Deshalb wollte ich die Schule in einem für mich überblickbaren Ausmass behalten und bat alle Teilnehmenden: Bitte nicht weiter empfehlen.


Wenn Frauen zwar wollen aber nicht können

Julia Onken mit Brigitte Hieronimus
Julia Onken mit Brigitte Hieronimus

In den ersten Jahren versuchte ich, alte und neue Ansprüche meines Lebens unter einen Hut zu bringen. Einerseits wollte ich eine gute Mutter sein – was immer das auch heisst. Schliesslich war ich alleinerziehend, konnte also meinen Kindern nicht eine wohlgeordnete Familie bieten, und versuchte, das zu kompensieren, mehr schlecht als recht. Andererseits kamen die verschiedenen Arbeitsbereiche dazu; alles was sich rund um die «Feuerzeichenfrau» abspielte, Vorträge, Seminare, aufwendige Korrespondenz und Fernsehauftritte; therapeutische Praxistätigkeit und Aufbau des Frauenseminars. 

Zwar hatte thematisch alles irgendwie miteinander zu tun, dennoch stand jeder Aufgabenbereich für sich und wollte auch separiert bearbeitet werden. Obwohl ich rund um die Uhr tätig war – Urlaub machen war damals ein Fremdwort – fühlte ich mich meist sehr gut und auf jeden Fall erfüllt durch die vielen spannenden Herausforderungen. Für mich war es stets klar, das Frauenseminar Bodensee sollte für alle Frauen offen stehen – unabhängig von Schul- und Berufsabschluss und vor allem auch ihren finanziellen Möglichkeiten. Schliesslich wusste ich aus den vielen Briefen nur zu gut, wie es bei den meisten ums Geld stand. 

Um diese Idee umzusetzen, war einiges zu tun. In der Zwischenzeit hatte sich ein Dachverband für AusbildnerInnen und Kursleitende in der Erwachsenenbildung konstituiert, SVEB, Schweiz. Vereinigung für Erwachsenenbildung, mit dem Ziel, dass Personen, die Erwachsene unterrichten, nicht nur über ausgewiesenes Fachwissen verfügen, sondern gleichermassen über Kompetenzen in Methodik und Didaktik in der Erwachsenenbildung. Wer die Anforderungen mit sämtlichen Leistungsnachweisen erbringt, kann einen Eidgenössischen Fachausweis beantragen. Und genau das wollte ich für «meine» Frauen. Ich kannte viele, die mehrere Kurse besucht und dafür auch Bescheinigungen erhalten hatten, nur leider erwiesen sich diese auf dem Markt als Ausweis für ihre beruflichen Qualifikationen als völlig wirkungslos. Und somit landeten die Frauen wieder im Niemandsland.

Ich wollte erreichen, dass auch der Lehrgang des Frauenseminars Bodensee mit einem Eidg. Diplom abgeschlossen werden kann. Mein erster Kontakt mit dem Dachverband fiel ziemlich ernüchternd aus, denn es wurden Forderungen gestellt, um überhaupt am Lehrgang teilnehmen zu können, die nicht meinen Ideen entsprachen: Eine abgeschlossene dreijährige Berufsausbildung oder ein Studium. Ich wusste aber, dass nicht alle Frauen in der Lage waren, diese Bedingungen zu erfüllen, da es ihnen bis heute nicht gelingt, einen lückenlosen Bildungsaufbau zu verfolgen, stattdessen schauen die meisten auf eine geknickte oder unterbrochene Bildungsbiografie zurück, gerade weil Frauen damit beschäftigt sind, mit Schwangerschaft und Kinderbetreuung klarzukommen. Und haben sie auch noch für den finanziellen Unterhalt zu sorgen, steht ihnen das Wasser eh schon bis zum Hals, und eigene Bildungspläne treten in den Hintergrund, so gross ihr Hunger nach Wissen auch ist. Deshalb war es mir ein grosses Anliegen, einen Lehrgang zu entwickeln, der allen Frauen zugänglich ist. Ich wollte ihnen keine Hindernisse in den Weg stellen, die erwähnten Ansprüche an die Vorbildung, und war davon überzeugt, dass es einen Weg geben muss, diese Klausel zu umgehen. Es dauerte mehrere Wochen, bis ich eine Lösung fand. Ich las wiederholt die Dokumentation des Dachverbandes, sprach mit anderen darüber und dachte in schlaflosen Nächten lange drüber nach. Irgendwann knöpfte ich mir das Kleingedruckte vor, und da stand etwas, was ich zuvor überlesen hatte, aber von grosser Bedeutung war: «oder gleichwertige Lernleistungen». Gut, dachte ich, dann definiere ich, was ich unter Gleichwertigkeit verstehe. Schliesslich konnte ich in diesem Bereich aus dem Vollen schöpfen. Ich weiss, was Frauen leisten in der Familien- und Erziehungsarbeit und gleichzeitig die kranke Schwiegermutter pflegen, und weil das Geld hinten und vorne nicht reicht, auch noch zweimal wöchentlich im Krankenhaus-Kiosk mithelfen. Ich weiss, in welchem multiplen Überlebenskampf Alleinerziehende stecken, emotional durch Trennung und Scheidung angeschlagen, trotz Kränkungen und Demütigungen aller Art durchhalten müssen und den Kopf oben behalten, um den Kindern ein aufgestelltes Mami zu liefern. Ich weiss, welche grossartigen Leistungen Frauen in der Bewältigung ihrer für andere unsichtbaren alltäglichen Herausforderungen und Hürden zu überwinden haben. Es sind Leistungen der besonderen Art, Leistungen, die oft den allerletzten Tropfen an Kraft herauspressen. Zudem sind alle letztlich Lern- und Entwicklungsleistungen, Kompetenzerweiterungen, die in einem Schulbuch nicht zu finden sind. Und deshalb war es für mich klar: Ich will sie mit Schul- und Berufsbildung gleichsetzen. 

Und genau das habe ich getan. Ich formulierte meine Sicht der Dinge, ohne Pathos, ohne dramatische Beschreibung und machte mich auf eine schwierige Auseinandersetzung gefasst, gleichzeitig wusste ich, dass ich für mein Anliegen kämpfen wollte – unter Umständen mit juristischer Schützenhilfe. Aber ich hatte mich getäuscht. Ich musste kein Gericht anrufen, nichts dergleichen. Meine Argumentation wurde angenommen, und somit war das Frauenseminar Bodensee akkreditiert, Frauen auszubilden und sie zu einem Abschluss mit Eidg. Fachausweis zu führen, der ihnen die Türen zu Hochschulen und Universitäten öffnet. Wir waren damit das erste Institut der Schweiz, das dieses Akkreditierungsverfahren bestanden hatte und aufgenommen wurde. 

Die Frauen im Frauenseminar freuten sich mit mir über den Erfolg, und wir feierten ihn zusammen. Einige meinten anerkennend, mein Engagement sei sehr mutig gewesen, doch gegen diese Sicht wehrte ich mich vehement: Nein, mit Mut hatte das nichts zu tun! Es war für mich selbstverständlich, ich konnte nicht anders. Ich handelte damals – und tue es noch immer – aus einem tiefen Gefühl der Solidarität mit andern Frauen – und indirekt kämpfe ich auch rückwirkend um die Rehabilitation unserer Mütter, Grossmütter, Urgrossmütter und Ururgrossmütter, um die Anerkennung ihres unermüdlichen, meist völlig selbstlosen Einsatzes. 


Der Kreis schliesst sich

Frauen lassen Frauen nicht im Regen stehen

Lange konnte ich mich auf dem Erfolg nicht ausruhen. Die Ausbildungen mussten finanziert werden, was also tun? Durch unsere Sonderregelung, dass alle Frauen teilnehmen konnten, unabhängig von ihren finanziellen Möglichkeiten, gerieten wir langsam an unsere Grenzen. Auch hier habe ich viel darüber nachgedacht, mit andern gesprochen – vor allem, und das ist wohl eher überraschend, mit meinem Partner Felix. Er ist oft die erste Adresse, die alles erfährt, meist schon morgens, noch halb schlafend, überfalle ich ihn mit meinen nächtlichen Gedankenausflügen – auch wenn es ihm manchmal zu viel wird, noch im halbwachen Zustand überfallen zu werden und über all die Themen nachzudenken, die mich in Atmen halten. Mir aber ist es ein grosses Bedürfnis, meine Gedanken in Worte zu fassen und sie jemandem zu erzählen. So wie damals mit meiner Mutter, als ich ihr auf dem Heimweg nach ihrer Arbeit alles erzählte, was mir tagsüber durch den Kopf schwirrte. Schon in diesen Jahren ist mir aufgefallen, dass ich durch meine Beschreibungen tiefer in das Thema eindringe, ungeachtet, ob ein Austausch darüber entsteht oder nicht. Deshalb habe ich die Methode des Sprechdenkens auch in unseren Ausbildungslehrgängen eingeführt, und der Erfolg bestätigt meine Erfahrungen. 

Selbstverständlich sprach ich auch mit anderen Frauen über das Problem der Finanzierung. Einige waren nicht daran interessiert, andere hingegen sehr, es bildete sich ein kleiner Kreis, der bereit war, engagiert mitzuarbeiten und mich zu unterstützen. Irgendwann ist die Idee für den Verein «Bildungsfonds für Frauen» entstanden, dessen Jubiläum wir dieses Jahr feiern. Nun haben Sie, liebe Leserin, nachvollziehbar erfahren: Mein erstes Buch «Feuerzeichenfrau» gab dazu den Startschuss, daraus entwickelte sich das Frauenseminar Bodensee, und als logische Folge die Gründung des Vereins, basierend auf meinen eigenen Erfahrungen und den Erfahrungen vieler anderer Frauen.

Wenn Frauen zusammenhalten, sich schwesterlich füreinander einsetzen und sich gegenseitig unterstützen, werden andere ihr Selbstbewusstsein zurückerobern und ihr Leben selbst und sicher in die Hand zu nehmen. 

Dazu benötigt es eine klare und unverbrüchliche Gewissheit: 

Frauen lassen Frauen nicht im Regen stehen. 

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