Béatrice Stössel - Die Grenzen sind dicht!

Béatrice Stössel, 29.04.2020

Béatrice Stössel
Béatrice Stössel

Die Grenzen sind dicht!

Im Alter von zehn Jahren und schickten wir erste Briefchen hin und her, beginnend mit: Liebe Bruni, wie geht es dir? Mir geht es gut!

Es war der Start zu einer besonderen Brieffreundschaft. Wir tauschten Erlebnisse aus, die uns als Kinder beschäftigten. In der Schulzeit diskutierten wir über Lieblingsfächer und die Berg- und Talfahrten der Schulnoten. Natürlich wurde über die doofen Lehrer und die Hausaufgaben geschimpft. Bruni berichtete von Unverfänglichem, wie Socken stricken oder Mützen häkeln. Die Gartenarbeit, war ein weiteres DDR-grenztaugliches Thema, denn jeder Brief wurde durchleuchtet, das zeigte eine spätere Akteneinsicht. Die Korrespondenz entwickelte sich altersgemäss weiter. Wir waren beide sehr sportlich. Sie griff zum Fechtdegen. Ich schwang mich in den Pferdesattel. Wir träumten davon, Elitesportlerinnen zu werden. So erfolgreich, dass wir gleichzeitig zu den Olympischen Spielen hätten fahren können, um uns auf diesem Weg, anlässlich der Wettkämpfe, persönlich kennenzulernen. Welche Euphorie, welch ein Ansporn war das damals. Natürlich kam es anders. Das Studium der Medizin wurde Brunis Berufsziel, die Handelsschule meines, denn unsere Mütter drängten hüben wie drüben auf eine handfeste Berufsausbildung. Danach waren es die jungen Männer, welche unserem Olympiatraum im Weg standen. Ausführliche Berichte über Liebestragödien oder Höhenflüge mit den Herzensbrechern, ersetzten die Turnierberichte. So erklangen für uns fast gleichzeitig die Hochzeitsglocken statt der Nationalhymnen, und schon bald plärrte es aus dem Kinderwagen. Unsere Freundschaft trotzte allen Strapazen.

 Ein ganz besonderes Erlebnis war meine erste Reise nach Leipzig, lange vor der Wende. Bruni und ihr Ehemann Arndt holten mich am Flughafen ab. Doch erst galt es die Ausreisekontrolle zu bestehen. Mein Koffer war voller Kleider für sie. Eine DDR Zollbeamtin prüfte den Inhalt akribisch Stück für Stück. Bei den Dessous entglitt ihr ein Seufzer und ihre Finger fuhren ehrfürchtig über die zarten Spitzen meines BH’s. „Brauchen Sie das alles für zwei Tage“, wollte sie wissen, denn für diese Dauer war mein Visum für die Stadt Leipzig ausgestellt. So viel Gepäck für eine so kurze Aufenthaltsdauer war ihr suspekt. Ich behauptete kühn, dass ich wegen eines ansteckenden Hautausschlags gezwungen sei, mich zweimal pro Tag umzuziehen. Nach dieser Aussage biss ich mir fast die Zunge ab, um nicht loszuprusten. Sie liess mich passieren. Das Wort „ansteckend“ schützte meine Lüge. Nach einer dreiviertelstündigen Inspektion wurde der Weg frei. Ich durfte die Türe zur Deutschen Demokratischen Republik durchschreiten und meine Freundin nach zwanzig Jahren Briefwechsel zum ersten Mal umarmen. Arndt begrüsste mich herzlichst mit: „Bea, mein Mädchen, komm lass dich drücken.“ Die Befürchtung, wir könnten uns bei einer realen Begegnung fremd sein, schmolz wie Schnee in der Märzsonne.

Als erstes erlebte ich eine abenteuerliche Autofahrt durch die Alleen von Leipzig. Arndt steuerte seinen „Wartburg“ als hätte er einen Ferrari unterm Hintern elegant um die zahlreichen Löcher in den Strassen, bis wir bei ihrem Wohnblock, einem seelenlosen Plattenbau ankamen. Zuhause warteten zwei aufgeweckte Jungs auf mich. Sie stürzten sich auf die Schokolade und wollten alles noch vor dem Abendessen vertilgen. Der Vater gebot Einhalt, die Buben gehorchten.

Der Apéro blieb mir in besonderer Erinnerung. Es war eine simple Salatgurke, die Bruni in Scheiben aufgeschnitten und mit einer Spur Salz und Pfeffer gewürzt, als Beilage zum Wein anbot. Kartoffelchips oder gesalzene Erdnüsse gab es nicht zu kaufen im Osten. Mir entgingen die sehnsuchtsvollen Blicke der Buben nicht, die sich am liebsten auf die Gurkenstücke gestürzt hätten. Ich brachte es nicht übers Herz ihnen diese Delikatesse – und das war es für sie damals – wegzuessen. So kam es zur zweiten Lüge. Kurzerhand behauptete ich, dass Salatgurke bei mir eine allergische Reaktion auslöse und ich einen juckenden Ausschlag bekäme. Zum Glück fragte Frau Doktor nicht weiter nach.

Der Abend war randvoll mit Gesprächen, der Rotwein löste die Zungen und liess manche Frage zu, welche uns gegenseitig unter den Nägeln brannte. Offenbar war ihre Wohnung nicht mit versteckten Wanzen gespickt. Die Diskussionen dauerten bis in die frühen Morgenstunden. Die Ostdeutsche Lebensform, angefangen bei den Erschwernissen wie dem Beschaffen der banalsten Dinge für das tägliche Leben, die Politik, die ständige Angst bespitzelt und verraten zu werden, machten mir schlagartig bewusst wie heil doch meine Schweizerwelt war.

 Der  Besuch der Leipziger Messe anderntags war Pflicht, weil ich für die Ausreise beweisen musste, dass ich diesem „Stolz der DDR“ die Ehre erwiesen hatte. Das gehörte zum Arrangement des Reisebüros. Wir bestaunten also die Weltmeisterin im Schnellschreiben auf der Schreibmaschine. Sie war schneller als ein IBM Computer, wenigstens damals. So stemmte sich der DDR-Osten gegen den modernen Westen. Ich staunte über die Organisation beim Informationsstand. Auf meine Frage: Bitte, wo bekomme ich denn eine Ansichtskarte mit Briefmarke, erhielt ich die Antwort: Tut uns leid, das wissen wir nicht. Wo immer ich Postkarten und Briefmarken kaufen wollte, die Antwort blieb dieselbe: Das wissen wir nicht, sogar beim Postamt.

 Bald zogen wir weiter in die Stadt und besichtigten die Sehenswürdigkeiten, wie die Thomas Kirche, wo Johann Sebastian Bach gewirkt hatte, die architektonisch beeindruckende Mädler Passage, die Nikolai Kirche, von der später die friedlichen Märsche ausgingen und zum Mauerfall 1989 führten. Die Gebäude trugen hässlichste Spuren des zweiten Weltkriegs. Sie machten auf mich einen zerfallenen, düsteren Eindruck. Einstmals wunderschöne, herrschaftliche Häuser zeigten ihre bröckelnde, mausgraue Fassade. Doch es war auf einen Blick zu erkennen, welches Potential diese Stadt hatte. Es sollten noch Jahrzehnte ins Land gehen bis zur Wiedervereinigung Deutschlands. Wir konnten uns damals eine offene Grenze auch in unseren kühnsten Träumen unmöglich vorstellen. Was blieb, ist unsere Freundschaft. Wobei wir heute telefonieren statt schreiben und wir besuchen uns so oft es geht. Für Ostern war geplant, dass Bruni mit mir feiert und wir das Zürcher Sechseläuten gemeinsam geniessen. Doch die Grenzen sind dicht, wie einst zu DDR Zeiten. Aufgeschoben ist nicht aufgehoben. Bereits planen wir für 2021, denn wir lassen uns von diesem Virus nicht unterkriegen. Wir nicht!

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