Brigitte Hieronimus | Wo ist die Welt noch in Ordnung?

Brigitte Hieronimus, 03.05.2020

Brigitte Hieronimus
Brigitte Hieronimus

Ich nehme wahr, wie Menschen reagieren, wenn ich selber oder anders denke, als sie selbst. Das Wagnis, sich eine eigene Meinung zu bilden, scheint gerade jetzt eine immense Herausforderung zu sein. Die Angst vor dem Virus vermehrt die Angst, etwas falsch zu machen. Was darf man, was nicht? Je mehr Nachrichten auf uns einprasseln, desto mehr Unsicherheiten entstehen. Widersprüchliche Aussagen von Wissenschaftlern und Politikern führen eher zur Verwirrung als zur Klarheit. Wem oder was kann man noch glauben? Inzwischen dürfen wir zwar Gottesdienste besuchen, aber nicht miteinander singen. Nur das Halleluja ist erlaubt. Wie gnädig. Ungläubig schüttele ich den Kopf darüber. Wir dürfen ab morgen wieder zum Friseur, aber noch nicht zur Fußpflege. Mit einer Maske nah am Kopf zu hantieren ist erlaubt, jedoch vom Kopf entfernt, nicht. Ich sehe Autofahrer, die allein in ihrem Wagen hocken und einen Mundschutz tragen. Ebenso in den fast leeren Zugabteilen. Ja, es ist Pflicht, aber es ist doch niemand im Abteil außer mir? Sind wir noch zu retten?

Deshalb habe ich entschieden, mich auf mich selbst zu verlassen und mir selbst zu vertrauen. Es gibt durchaus Wege, die erlaubt und gangbar sind. Ich nehme die Einladung zur beruflichen Fortbildung an und fahre mit der Deutschen Bundesbahn nach Heidelberg. Die Zugabteile sind - wie gesagt - so gut wie leer. Ich trage keinen Mundschutz, sondern einen luftigen Sommerschal, den ich locker über die Nase ziehen, und salopp wieder runter ziehen kann. Das gebuchte Hotel, inmitten der Altstadt, habe ich für mich allein. Ich bin nämlich der einzige Gast. Da ich sozusagen geschäftlich unterwegs bin – was ich durch die Bescheinigung des Seminarleiters beweisen kann – darf ich ein geräumiges Zimmer beziehen. Frühstück gibt es nicht, auch sonst keine Verköstigung. Glücklicherweise befinden sich gegenüber des Hotels einige Restaurants, die ihre Speisen außer Haus anbieten. In den Eingängen oder an den geöffneten Fenstern, werden Spargel, Schnitzel, Thaigerichte oder Tapas angeboten. Manche schmücken ihre Eingänge feierlich wie kleine Altäre. Am Neckarufer plaudern vorwiegend junge Menschen in der Abendsonne. Sie halten Abstand, aber nicht mehr als einen Meter. Ihre Masken hängen lässig an den Gummibändchen, während sie essen und trinken. Ich sitze mit Tapas am geöffneten Fenster meines Hotels und beobachte die Szene. Auf der Brücke zum Philosophenweg schlendern vereinzelt Paare oder Familien. Es sind kaum Autos unterwegs, auch keine Touristen weit und breit zu erkennen. Lächelnde Beschaulichkeit atmet mir entgegen.

Am nächsten Morgen beginnt das Seminar. Ich bin die Erste, die ankommt. Der Seminarleiter begrüßt mich mit Handschlag und ohne Maske, unbefangen weist er mir den Weg zum Seminarraum. Hier hätten 20 Leute Platz genug. Es kommen noch 4 weitere Teilnehmer, die sich großräumig verteilen. Gebannt lauschen wir dem achzigjährigen vitalen Mann, der uns über vorgeburtlichen Stress und den damit zusammenhängenden synaptischen Verbindungen des Gehirns aufklärt. Über das sogenannte „ fetal programming“ erfolgt die Feineinstellung der physiologischen Steuerung des Organismus. Vorgeburtlicher Stress lenkt das spätere Verhalten im Sinne einer größeren Stressempfindlichkeit. Durch die vorgeburtliche Atmosphäre wird das Gehirn des werdenden Kindes geprägt. Daraus ergeben sich Dispositionen zu bestimmten Verhaltensweisen, Gefühlseinstellungen und Gestimmtheiten, die das gesamte Leben beeinflussen könne. Ich atme auf und fühle, hier bin ich richtig.

Auf dem Heimweg lasse ich das lohnenswerte Seminar nachwirken und empfinde Hochachtung vor einem so zuversichtlich gestimmten, entwicklungsfreudigen Mann, der „eigentlich“ der Risikogruppe angehört. Was hätte ich verpasst, wenn ich nicht teilgenommen hätte. Die Zusammenschau seiner jahrzehnterlangen Forschungs-und Klärungsarbeit haben nicht nur für den beruflichen Alltag einen essentiellen Wert (so der Wortlaut der Bescheinigung über diese Fortbildung) sondern bestätigen, was ich während der Zusammenarbeit mit Menschen, immer wieder erlebe. Der Seelenraum des Ungeborenen ist für die meisten ein unerschlossenes Gebiet. Doch genau in diesem Raum beginnt das Leben jeden einzelnen von uns. Zu Hause angekommen, teile ich meine Eindrücke per Mail mit meinen engsten Freundinnen, gieße mir ein Glas Rosé ein und lausche Maria Callás großartiger Stimme. Musik, so habe ich gehört, verbindet uns direkt mit unserer Seelenenergie. In Zeiten wie diesen, schaffe ich mir vor allem eine innere Welt, die mir eine sichere Orientierung gibt.


Mut zum Lebenswandel von Brigitte Hieronimus

Brigitte Hieronimus

Seminarhaus für Biografieberatung & Identitätsorientierte Psychotrauma Therapie, (Online Beratung während er Corona Zeit)

Autorin von „Mut zum Lebenswandel – wie Sie Ihre biografischen Erfahrungen sinnvoll nutzen“ J. Kamphausen Mediengruppe GmbH, Bielefeld 2016       

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