Ein gellender Schrei

Eveline Keller, 05.10.2020

Eveline Keller
Eveline Keller

Eine Schlagzeile aus der Fuldaer Zeitung und schon tippe ich in die Tastatur:

Die Blutspur zieht sich von der Garage durchs Haus, in den ersten Stock hoch bis zum Schlafzimmer. Draussen verzieht sich die Dunkelheit, es wird immer heller am Horizont, bis die ersten Sonnenstrahlen den wolkenlosen Himmel küssen. Der Morgen bricht an, so auch bei Schmockers, wohnhaft am Südhang des breiten Tales. Ihr Haus, das ein paar Meter von der Strasse zurückversetzt liegt, ist mit einer breiten Einfahrt versehen. Heute steht das Tor offen, wiegt leicht in der Brise und die eine Tür der geräumigen Doppelgarage ist hochgeklappt. Rechtsseitig entlang der Fassade hat der Hausherr, der mit der Axt umzugehen weiss, ordentlich Holz aufgeschichtet, was dem modernen Bau einen bodenständigen Anstrich verleiht.

Nichtsahnend räkelt sich Iris Schmocker im ersten Stock in ihrem Bett. Nach einer wilden Liebesnacht ist sie in jenem halbwachen Zustand, übermüdet und zu aufgewühlt, um fest zu schlafen. Keine Lust der Realität sowie ihrem Noch-Ehemann ins Auge zu blicken, vergräbt sie ihr Gesicht in den Kissen. Sie sehnt erneut die wohlige Erfüllung herbei, wie sie in pulsierender Hingabe mit ihrem Liebhaber verschmolz. Diese ekstatische Leidenschaft, bei der die Gefühle durch die Decke gehen. Nicht den biederen Blümlisex mit ihrem Gatten.

Seufzend streckt sie ihre Hand nach ihrem Liebsten aus. Und berührt etwas Flüssiges mit seltsamer Konsistenz. Glitschig. Sie blinzelt. Blut! Ihre Augen fliegen auf. Da, das Antlitz des Geliebten befindet sich direkt vor ihr. Die sinnlichen Lippen weit offen, mit Augen leer und starr vor Schreck. Seine Schmalzlocken, die sie eben noch spielerisch gewuschelt hat, zu einem Büschel am Schopf verklebt, wo er gepackt wurde. Sie realisiert, dass ihm Blut aus Mund, Nase und Hals tropft und über ihren rosaroten Nachttisch rinnt. Ihr Schrei gellt durchs Haus, hinab zur Doppelgarage, vorbei am kopflosen Körper, der neben dem Spaltstock liegt, hinaus auf die Strasse.

Inzwischen sitzt ihr Ehemann mit blutverschmierten Händen und einem irren Flackern im Gesicht, in der Amtsstube einem geschockten Polizeibeamten gegenüber und erklärt ihm, dass er den Liebhaber seiner Frau erwischt und ihn mit der Axt geköpft hat. Den Kopf hat er seiner Frau auf den Nachttisch gelegt. («Nebenbuhler aus Eifersucht geköpft», Fuldaer Zeitung 1993.)

Wenn ich schreibe, fliegen die Worte, sehe ich die Bilder, läuft ein Film vor meinem geistigen Auge ab. Mein ganz privates Kino. Meistens schreibe ich, ohne zu werten und nachzudenken. Es geschieht einfach. Erst wenn die Worte auf Papier gebracht sind, überlege ich mir, ob und was für eine Geschichte daraus entstehen soll. Im Gegensatz dazu notiere ich mir Ängste, Wünsche und unausgegorene Ideen, reflektiere, drehe und wende sie, und versuche mich in die Beteiligten hineinzuversetzen, um sie möglichst treffend zu beschreiben. 

Wie oben, kann man aufgrund einer Schlagzeile mit Recherchen beginnen, um eine Geschichte zu erzählen. Oder man nimmt sie als Inspiration und erfindet eine Story. Ob Krimi oder Poesie, Liebesromane oder Abenteuer-Reportagen - was immer man schreiben möchte – entscheidend dabei ist, ob man die Leserinnen und Leser mit dem Text berühren konnte oder sie sich darin wiederfinden konnten.

Mein Versuch, die durch die Schlagzeilen ausgelösten Bilder in meinem Kopf in Worte zu fassen, um sie für die Leserinnen und Leser sichtbar zu machen, gelingt nicht immer. Und das will geübt sein. Doch Papier ist bekanntlich geduldig.

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