Es tagt der Krisenstab

Béatrice Stössel, 26.03.2021

Béatrice Stössel
Béatrice Stössel

Meine sehr verehrten Damen und Herren

Ich begrüsse Sie zur internationalen Krisensitzung des lateinischen Alphabets in Venedig. Es freut mich, dass alle 26 Vertreter und Vertreterinnen der Buchstaben und insbesondere auch die Umlaute: Ä Ö Ü anwesend sind. Somit kann diese ausserordentliche Sitzung beginnen. Ich übergebe das Wort unserem Präsidenten Herrn Omega der extra für diesen Kongress aus Athen angereist ist.

Besten Dank Madame Alpha für die Einführung zu dieser Krisensitzung.

Geschätzte Damen und Herren, wie sie alle wissen, werden wir seit über einem Jahr bombardiert mit dem, äh... nennen wir es C-Wort. Auf der ganzen Welt spricht man von CORONA – ein Wort welches, ob wir es wollen oder nicht, mit „C“ beginnt. Wir alle wissen, dass wir damit in der Vergangenheit keinerlei Probleme hatten, wurde der Begriff CORONA einzig für die Bezeichnung eines Gerstensaftes verwendet. Jetzt hingegen stapeln sich die Beschwerden in unseren Alphabet-Zentralen. Wir müssen neue Büros eröffnen und Personal rekrutieren, um all die Korrespondenz, Beschwerden, die Informationen, Fake- und andere News entsprechend zu sortieren und zu beantworten. Das sind unermessliche Mehrkosten. Meine Damen und Herren, wir haben mit dem „C“ eine weltweite unüberschaubare Krise.

Ja, richtig! Juristisch gesehen, muss ich als Vertreterin des „J“ unbedingt darauf hinweisen, dass mit „C“ gravierende Probleme auf uns zukommen. Eine Eliminierung ist nach meiner Meinung die einzige, unumgängliche Lösung.

Richtig! Ich stimme „J“ zu, denn als „R“-Repräsentant und Richter, muss ich über kurz oder lang über das „C“ urteilen.

Weg damit. Wir brauchen diesen Buchstaben nicht! Wer ist für die Abschaffung? Hand hoch, fordert „W“. Über zwanzig Buchstaben heben die Hand.

„S“ legt Einspruch ein: Bitte bedenken sie, wie oft ich als „S“ auf das „C“ angewiesen bin und zwar bei jedem SCH-Wort. So einfach geht das nicht! Als „S“ bestehe ich darauf, dass „C“ bleibt! Wenn auf ein Zeichen verzichtet werden kann, so ist es eindeutig das „V“. Schlussendlich ist es wegen dieses Virus, dass wir diesen Schlamassel haben. Hören Sie es? Schon wieder ein Sch-Wort bei dem „C“ unerlässlich ist.

Meine Freunde, bitte, können wir nicht einfach einen anderen Begriff wählen? Als Vertreter von „B“ bin ich Experte in dieser Sparte. Weg damit – Raus – Eliminieren – Abschaffen – Trennen wir uns vom „C“ fordern viele der Teilnehmenden erneut. Ihre Stimmen werden lauter und gehässiger. Jeder will den anderen mit seinen Argumenten übertrumpfen. Sie kriegen sich regelrecht in die Haare. Einzig „C“ bleibt ruhig sitzen und wartet ab.

Herr Omega verschafft sich mit einer Glocke Gehör. Die Buchstaben verstummen unmittelbar. Herr Omega fragt: „C“ möchten sie dazu etwas sagen?

„C“ steht auf und blickt gelassen in die Runde. Ein kurzes Räuspern und er beginnt zu sprechen:

Verehrte Kolleginnen und Kollegen der Buchstabenzunft, ehrenwerte Frau Alpha hochgeschätzter Herr Omega,
ich bin mir bewusst, dass die Lage ernst ist. Selbst ich, als „C“, kann dieses „C“Wort nicht mehr hören. Die Menschheit ist zerstritten und in zwei Lager geteilt. Es gibt die Fakten- und Aktenkundigen. Selbsternannte Gurus argumentieren gegen die Virologen. Wobei wir wieder beim „V“ wie Virus wären. Es gibt die Corona Leugner, die alles bestreiten und die Wissenschaft, die alles beweist oder mindestens zu warnen versucht, um das Schlimmste zu verhindern. Das ist die aktuelle Situation seit einem Jahr. Die Seuche ist da und wieder beginnt sie mit mir, dem „C“, wie damals bei der CHOLERA. Dafür entschuldige ich mich in aller Form, muss jedoch gleichzeitig betonen, dass es noch andere Pandemien gab auf der Welt. Denken wir nur an die PEST oder die Spanische Grippe! Diese sind: „P“ „S“ und „G“ zuzuordnen.

Ich lege heute allerdings grossen Wert darauf ihnen aufzuzeigen wie wichtig ich als „C“ bin. Ich vertrete nicht nur Seuchen die mit „C“ beginnen. Nein, ich habe durchaus eine charmante Seite. Und wenn sie jetzt gut zuhörten, werden sie bemerkt haben, dass allein schon das Wort CHARME – ohne „C“ keinen Sinn macht. Lassen sie mich eine wahre Geschichte erzählen, bei der ich als „C“ eine Hauptrolle spielte:

Carlo, ein gutaussehender Italiener spazierte durch Venedigs Gassen. Vergnügt trällerte er ein Liedchen und blieb plötzlich stehen, blinzelte hoch zum Balcone und rief: „Claudia bella mia.“ Auf den Balkon trat eine Schönheit. DIE Schönheit schlechthin, Claudia Cardinale. Carlo redete mit Händen und Füssen auf sie ein, und was geschah? Kurz darauf schlenderten sie Arm in Arm ins Ristorante Cavallo am Ende der Gasse. Sie orderten Carpaccio zur Vorspeise, gefolgt von Canneloni. Natürlich tranken sie Chianti Classico. Il dolce, was könnte es anderes sein als Cantucci. Dazu schlürften sie einen Cappuccino und Carlo gönnte sich ein Glas „Licor Strega“. Dieser ist bekanntlich nach den Hexen von Benevento benannt, die der Legende nach ein Gebräu herzustellen wussten, welches Paare für die Ewigkeit vereint.

Er war verliebt und betete seine Claudia an. Als ein Gondoliere vorbei ruderte liess Carlo ihn anhalten und sie bestiegen die Gondel. Und was tut ein verliebter Italiener in so einer Situation? Er singt una Canzone mit Inbrunst und fast ebenso stimmgewaltig wie einst Enrico Caruso. Claudia vergass Cinecittà und schmolz dahin.

„C“ schaut in die Runde. Es ist mäuschenstill im Saal.Amore – trällert das „A. H“ beginnt zu seufzen, weil ihr das Herz fast zerspringt ob so viel Romantik. Küssten sie sich, will „K“ wissen. Certo, antwortet „C“. Die Teilnehmenden tuscheln. Plötzlich applaudieren sie wie wild und erheben sich von den Sitzen. Alle, aber auch wirklich alle stimmen für „C“. Sogar „Z“, der sonst nichts für „C“ übrig hat ruft begeistert: Ohne „C“ geht wirklich NICHTS. Und „A“ ergänzt: Ohne uns ALLE geht es nicht. Wir sind und bleiben eine Einheit.

Wir sind das Alphabet!

Herr Omega schwingt erneut die Glocke:

Verehrte Kolleginnen und Kollegen der Buchstabenzunft, ich glaube nach diesen Ausführungen sind wir uns einig: Von Alpha bis Omega und von A bis Z, alle Buchstaben müssen bleiben. Ich bitte „C“ um Verzeihung, dass wir einen Moment lang ernsthaft in Betracht zogen „C“ aus dem Alphabet zu streichen. Es ist einfach unmöglich. Darum lasst uns anstossen. Was passt am besten zu dieser Erkenntnis? Natürlich Prosecco!

Alle gratulieren sich gegenseitig zu diesem weisen Entschluss. Die Korken knallen. „C“ lächelt verschmitzt und trinkt sein Glas in einem Zug leer. Kurze Zeit später stellt „C“ sein Glas auf den Tisch und verlässt, stolz über seinen Erfolg sowohl die Sitzung als auch die Lagunenstadt. Er steigt in sein Cayenne Cabrio und braust in Richtung Capri davon.

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2Kommentare

  • 05.04.2021 20:16 Uhr

    Eine sehr erfrischende Wendung, sehr kreativ und humorvoll wie ich finde. Nebst der Tatsahe, dass ih mir mein Leben ohne den Buhstaben C im Alphabet auh niht vorstellen kann: Ralette, ervelat-Salat oder an Weihnahten ein feines hinoise – da bin ich auch der Meinung ohne das kleine und das grosse «C» geht es nicht. Das Fazit, dass es alle Buchstaben gleichermassen braucht und alle zusammen das Alphabet ergeben, finde ich eine wunderbare Metapher. Vielen Dank dafür! Den Scheinwerfer auf den Zusammenhalt zu lenken finde ich grossartig, denn wenn uns diese besondere Situation eines gezeigt hat, ist es genau das, die gegenseitige Unterstützung in einer herausfordernden Zeit, das Verständnis füreinander und beinahe tägliches Training in Flexibilität und Umdenken. Wir sind alle unterschiedlich betroffen, aber wir sind nicht allein.

  • 06.04.2021 13:58 Uhr

    Liebe Irene Fehr
    Danke für Ihr Lob. Ja, es geht wirklich nur MITEINANDER. Anfänglich ging ich Ihnen auf den Leim und dachte, sie hätten sich vertippt. Aber spätestens bei "Weihnahten" und dem Fondue "hinoise" musste ich schallend lachen. Und falls Sie CAPRI kennen, dann wissen Sie, dass das "C" niemals fehlen darf für diese spezielle Insel, auf die sich das "C" wieder zurückzog, um von dort aus: Allzeit bereit zu sein für seinen Einsatz.
    Herzliche Grüsse Béatrice Stössel

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