Eveline Keller | Es herrscht Krieg

Eveline Keller, 26.03.2020

Eveline Keller
Eveline Keller

Mitten in der Nacht schrecke ich hoch und lausche. Nichts. Nach dem Grund für mein plötzliches Erwachen suchend, blicke ich aus dem Fenster, hinunter auf die hellerleuchtete Strasse. Sie ist leer, keine Partygänger, keine Pendler, keine Nachteulen. Es ist unheimlich still. Das Nachtleben findet nicht statt, das Corona Virus geht um.

Dann am Morgen, acht Uhr, ein bohrendes Dröhnen durchdringt die Mauern unseres Heims. Was um alles in der Welt ist das? Draussen ist es ruhig, auch in der Tiefgarage ist kein Ton zu hören. Ach so, es sind unsere Nachbarn! Sie sitzen wegen dem Corona Virus zu Hause fest und kärchern nun tagelang ihr Haus beim Frühjahrsputz.

Das Corona-Virus, es hat unser Leben innert kurzer Zeit komplett verändert. Dabei hatte das Jahr ganz normal begonnen. Kaum zwei Monate alt, wurden mahnende Statistiken zur drohenden Erderwärmung herumgereicht. Gemäss den Meteorologen war der Winter viel zu warm gewesen. Statistisch war es einer, der am wenigsten kalten Winter seit Messbeginn im Jahre 1864.

Als wollte sich das Universum für die öde Statistik rächen, fegte das Sturmtief Sabine übers Land und brachte Blitz und Donner, Eisregen und Überschwemmungen. Alles was nicht festgezurrt war Schutzhüllen, Gartenstühle, Grüncontainer flogen einem, nebst Dachziegel und gefällten Bäumen, um die Ohren. Danach dachten wir, hätten wir das Schlimmste überstanden. Aber es kam viel Schlimmer.

Doch erst verlief alles wie gewohnt, ausser dass durch das milde Wetter die Natur verfrüht erwachte. Davon angesteckt, griff das Paarungs-Virus ums sich. Die Pferde wurden rossig, die Katzen rollig und die Hunde läufig. Und mit den ersten Krokussen wurden die Hobbygärtner aktiv. In den Gärten wurde geräumt, an windgeschützter Stelle gehackt und Beete zurechtgemacht.   

Abwechselnd wie Sonnenschein und Schneeregen erreichten uns die Nachrichten über das Hin und Her zu den Vorwahlen in den USA. Dazwischen funkten, erst wie ein Störsender, dann immer penetranter die ersten Präventivmassnahmen des Bundesamtes für Gesundheit BAG zum Coronavirus. Hochgeschreckt, zweifelte man. Hier? In der Schweiz. Pandemie? Die ist doch weit, weit weg in China. Mit den sprunghaft ansteigenden Fällen von Infizierten wird uns die Globalisierung der Epidemie schmerzlich vor Augen geführt. Sie geht um die Welt. Und keine zwei Wochen später stecken wir mitten drin.

Eilig werden nun die Krisenstäbe der Spitäler, Unternehmen, Schulen, Hotels und Ämtern einberufen und machen sich an die Arbeit. Man hatte aus früheren Pandemien gelernt, dem Sars Cov.1 und der Vogelgrippe. Damals verlangte die Gesundheitsdirektion, dass sie alle Notfallpläne für den Fall einer Pandemie erstellen. Gut gemacht! Diese werden jetzt gebraucht.

Wer von den Haushalten, den KMUs, den Ämtern und Behörden digital vernetzt ist, hat von da an die Nase vorn. Über Nacht wird unser Wortschatz erweitert mit Social distancing, Home Schooling, Home office, Gruppenchat, Shutdown, Audio- und Videokonferenz. Notfallnummern, Hotlines und FAQs werden eingerichtet, um der Flut der Fragen zu begegnen, die die Telefonzentralen und Datennetzte zusammenbrechen lassen. Doch was heute als Antwort gilt, kann morgen schon überholt sein.

Schliesslich verfügt der Bundesrat den Ausnahmezustand. Denn wir befinden uns mitten in der Pandemie. Es wird immer klarer, wir müssen uns auf einen, über Monate dauernden Shutdown aller üblichen Aktivitäten einstellen.

Das Sozial distancing, ein Mindestabstand von zwei Meter zum Gegenüber, wird zum Sesseltanz beim Einkaufen und an der Ladenkasse. Und immer wieder die Hände einseifen. Der Ellbogengruss, anfangs humorvoll als Dance de Canard zelebriert, ist schnell tabu, weil man sich zu nahekommt. Alle Schulen sind geschlossen, der Traum von Generationen von Schulkindern wurde Wirklichkeit. Aber, zu was für einem Preis! Der Detailhandel, die Gastronomie und die gesamte Freizeitindustrie werden geschlossen. Stündlich rufen Durchsagen im Radio dazu auf, zu Hause zu bleiben.  

Es herrscht Krieg. Der Feind ein unsichtbarer lebensbedrohender Virus. Wir alle sind potenzielle Träger und Trägerinnen, mit geringen oder ohne Symptome. Ein Mittel dagegen muss Pharmaindustrie erst noch finden. Darum bleibt im Kampf gegen die Verbreitung nur die Isolation des Individuums. Unsere Nachbarn, die schwer gebeutelten Italiener, zeigen per Video wie sie trotzdem Kontakte pflegen. Sie plaudern von Balkon zu Balkon, singen gemeinsam und reden sich Mut zu.

Alles ist heute von Corona betroffen und verfolgt einem. Auch wenn es überhaupt keinen Sinn ergibt und nervt. Wie dieser Sambasong aus den 90ern, der sich immer wieder in meinem Kopf dreht: 'Tschi-bong, tschi-bong, give me a cool corona'. Nicht das Virus ist hier gemeint, sondern eine frische Biersorte. 'Tschi-bong, Tschi-bong, oh Corona, Tschi-bong', summe ich vor mich hin.

Die News sind voll von Meldungen über Corona, von steil aufsteigenden Fallzahlen und einigen Homevideos. Bei jedem Hüsteln, frag ich mich: Habe ich Corona? Ein Stechen auf der Brust: Bin ich infiziert? Die Nase läuft: Oh je, vielleicht Corona!

Die Teenies nehmen die Sache zwar ernst, doch mit einer Portion Humor. Da nähert sich eine gruselige Wetterfront. 'Schau da kommt das Corona!' Der schmutzige Küchenboden. 'Voll Corona!' Das verkochte Abendessen. 'Schmeckt wie Corona.' Horch mal? Richtig – keine Flugzeuge! Alle gegroundet, 'Dank Corona.'

Im Internet wird erklärt, dass das Virus an der prallen Sonne zerstört wird. Also, her mit dem Klimawandel! Wo ist die Sonne mit der Hitze, wenn man sie braucht? Kill Corona! Möglichst jetzt und für immer.

Es ist ein aussergewöhnlicher Frühling. Rückblickend werden wir wohl von einer Zeit vor, und einer Zeit nach der Coronavirus Pandemie sprechen. Trotzdem zwitschern am Morgen die Vögel und singen aus voller Kehle wie jedes Frühjahr. Trotzdem werden die Tage länger und die Sonne versinkt abends immer später. Gänseblümchen, Forsythien und japanische Kirschbäume blühen wie jedes Jahr und verstrahlen ihre duftende Pracht.

Gerade in dieser bedrückenden Zeit, lässt es unsere Herzen höherschlagen. 'Tschi-bong, give me a cool corona.' Coronavirus hin, Klimawandel her. Wir freuen uns solange es geht, an dem wuselnden und drängenden Erwachen der Natur. Was auch immer geschehen mag, mit dem Beginn des Wachstumszyklus verbinden wir die ureigenste Hoffnung, dass das Leben weiter gehen wird. 'Tschi-bong, Tschi-bong.'

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