Eveline Keller

Eveline Keller, 29.01.2020

Eveline Keller
Eveline Keller

Ich erwache. Mein Herz rast. Mein sonst zu tiefer Blutdruck, macht Bocksprünge. In mir pumpt es wie wild. Nein, nicht weil ich aus einem Alptraum hochschreckte. Ich lebe in einem Alptraum.

Schon wieder, schiesst es mir durch den Kopf. Und mein zweiter Gedanke ist: Wie soll ich den heutigen Tag an der Arbeit überstehen? Was wird mich heute verletzen? Von wem werde ich heute hintergangen? Wie lässt sich das vermeiden? Was kann ich tun?

Ich beginne mir Strategien zurecht zu legen, verwerfe sie wieder. Stelle mir vor wie ich durch die Gänge der Schule schreite. Stelle mir vor, in welche Gespräche ich verwickelt werden könnte. Und welche verhaltens-originellen Antworten ich geben könnte. Zum Glück wird dieser Zustand nur noch wenige Tage dauern. Ich habe mir zum Ziel gesteckt, meine Berufstätigkeit ordentlich abzuschliessen. Darum will ich mich nicht provozieren lassen, will meine Nerven eisern im Griff halten, will nichts Persönliches mehr von mir geben, das ich später bereuen müsste, und will mir vor allem nicht anmerken lassen, wie es mich wurmt und wie es in mir wühlt.

Und wie ich mich kenne, wird mir das nicht gelingen. Weil ich nicht klüger geworden bin aus vergangenen Schäden. Ich weiss, meine Zielsetzung ist zum Scheitern verurteilt, denn sie ist unmenschlich, und ich weiss, es wäre besser, wenn ich mich jetzt entspannen würde. Denn auch wenn meine Strategie aufgehen würde, zeichnet sich hier trotzdem kein harmonisches Ende ab.

Ich habe diese Art in mir, mich wie ein Kamikaze-Flieger in eine Situation zu stürzen, egal ob es mich Kopf und Kragen kostet. Ein Psychologe nannte dieses Phänomen, das 'verrückte Kind' in einem, das die Gefühle ausdrückt, ohne Vernunft oder Logik. Das trifft den Nagel genau auf den Kopf. Mein Dickschädel muss jetzt da durch.

Ich stehe kurz vor dem Eintritt ins Pensionistentum und werde, wie es der Vorsitzende an der letzten Planungssitzung unpassend bemerkte, in einigen Tagen in den Un-Ruhestand treten. Un-Ruhestand. Wie Un-passend. Die Un-Ruhe erlebe ich täglich, an der Arbeit, und nicht erst seit ich meine Kündigung eingereicht habe, sondern schon davor, und viel zu lange. Unruhe, die ungesund ist. Schlaflose Nächte. Herzrasen. Schweissausbrüche. Panikattacken. Schwindelanfälle. Nicht enden wollendes Kopfkino, über meine Aufgaben, meine Führungsrolle, den Pendenzenberg, die Verantwortung, und über die Menschen, mit denen ich dabei zu tun habe.

Klar bin ich selbst schuld! Ich nehme das alles viel zu ernst. Gehe viel zu oft auf die Wünsche anderer ein, aber eben auch zu wenig. Ich rede nicht gerne über Vorgesetzte und Mitarbeitende, aber das wirkt verdächtig. Ich lasse den Kolleginnen gerne ihre Freiheiten, aber beharre viel zu oft darauf die Regeln einzuhalten. Für die einen hat das funktioniert, für die anderen nicht. Egal.

Mit meinem Weggang und der folgenden Aufgaben-Übergabe, die ich, abgesehen von der Einarbeitungszeit, als die schrecklichste Phase in einer Anstellung finde, habe ich nicht nur mich sondern auch mein Umfeld unter Druck gesetzt. Und dabei habe ich völlig unterschätzt, was das bevorstehende Ruhestand-Szenario in mir auslöste. Es arbeitet in mir, es spült vergangene Vorkommnisse an die Oberfläche, die ich glaubte, längst abgehackt zu haben. Nun verstehe ich auch, warum es nicht ungefährlich ist in Pension zu gehen. Es soll vorkommen, dass man im Anschluss daran einen Herzinfarkt erleidet und stirbt. Plötzlich, kann ich das sehr gut verstehen. Da geht nochmal ganz anders die Post ab. Die persönliche Fitness ist nicht alleine ausschlaggebend. Nicht von ungefähr, wird denn auch empfohlen, dass man vor Ende langsam die Arbeitszeit reduziert, Schritt für Schritt die Verantwortung abgibt, um in Ruhe abschliessen zu können. Nicht so bei mir. Ich muss trotz reduziertem Pensum, den ganzen Workload schaffen. Darum werde ich wohl eher wie ein abgefeuertes Katapultgeschoss in die Atmosphäre des Pensions-Ruhestandes eintreten. Also den umgekehrten Weg nehmen, nicht von Null auf Hundert, sondern von Hundert auf Null. Um dann schwerelos in der Unendlichkeit herum zu zappeln, bis ich ermüde und sich damit endlich Entspannung einstellen wird.

Ob das eine gute Voraussetzung für den Beginn meines neuen Lebensabschnittes ist, werde ich herausfinden. Lieber hätte ich meine Tätigkeit in Ruhe beendet und wäre lieber leicht gelangweilt in die Pension gerutscht. Aber es hat nicht sollen sein. Und das lässt sich so kurz vor Schluss nicht mehr ändern. Mein Dickschädel muss jetzt da durch.

Trotzdem: Ich freue mich wie ein kleines Kind auf die langen Sommerferien – nur wird es für mich nicht nach wenigen Wochen aufhören, sondern für den Rest des Lebens gelten. Ich kann es noch gar nicht recht begreifen. Denn mein Kopf ist vollkommen mit der Ablösung von meiner Tätigkeit besetzt. Es wühlt mich auf und kehrt das Unterste nach oben, da lässt sich jetzt in meinem Denkorgan für nichts Anderes in Platz finden.

Werde ich denn nie aus Schaden, klug werden? Wahrscheinlich nicht. Zur Schadensbegrenzung versuche ich mir zwischendurch Luft zu verschaffen, indem ich lange Spaziergänge unternehme, emsig Kreuzworträtsel löse, durch die IKEA bummle und häufig Tiere streichle. Alles, damit ich nachts einschlafen kann.

Bis ich erwache, und mein Herz rast.   

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