Ich bin 51 Jahre alt und habe einen Erzfeind.

Maya Onken, 08.10.2020

Maya Onken
Maya Onken

Ich bin 51 Jahre alt und habe einen Erzfeind.
Das ist eine Leistung.
Sein Hass wärmt mich an kalten Tagen.
Seine Wut kühlt meine überhitzten Pirouetten.

Ich bin 51 Jahre alt und habe einen Erzfeind.
Er besitzt eine Strohpuppe und hat keinen Platz mehr frei für noch eine dünne Nadel.
Und wenn das Stechen nichts mehr nützt, plant er böse Dinge.
Er arbeitet für mich, ohne bezahlt zu werden.
Er liest jede Zeile, durchsucht Webseiten, die meinen Namen schreiben.
Und er meldet jeden Fehler und Irrtum. Er ist mein Qualitätsmanager mit Null Gehalt.

Ich bin 51 Jahre alt und habe einen Erzfeind.
Deshalb bin ich nie allein und ohne Aufmerksamkeit.
Wenn alle Stricke reissen, habe ich ihn.
Für ihn bin ich nie langweilig und öde,
jede meiner Bewegungen bringt ihn in die Sätze.
Da ich viel unternehme, muss er abgenommen habe.

Früher, als er nah an mir dran war und aus der Nähe hasste,
konnte er sein Toxikum mit wenig Aufwand und fast unsichtbar verabreichen.
Er vergiftete in kleinen Dosen mein Umfeld. Und tat, als sei er mein Freund.
Das war die beste Tarnung.
Ich war 49 Jahre alt und meinte, ich hätte einen Freund.

Als die ersten Leberschäden und Atembeschwerden sichtbar wurden, suchten wir nach dem toxischen Gefäss. Er leitete die Suchtruppe und fand ... mich. Ich mache die Leute krank. Vergifte sie chronisch durch meine Person.
Ich war 49 Jahre alt und wurde des versuchten Mehrfachmordes angeklagt.

Der Krug geht zum Brunnen bis er bricht.
Ich war 50 Jahre alt und hatte einen Attentäter in meinen Reihen.
Seine Ampullen, Giftkräuter und Mixturen wurden entdeckt.
Er wehrte sich mit allem, was er besass.

Nun bin ich 51 Jahre alt, habe einen Erzfeind und bin stolz darauf.

Und weil ich 51 Jahre alt bin und meine Erfahrungen gemacht habe, will ich allen Mut machen, die ebenfalls belästigt werden: Wenn Dich die andere Person obsessiv verfolgt und sich immer wieder in Leben drängt, «Jagd» auf dich macht, dann spricht man von Stalking.

Das Schwierige an der Geschichte ist:
* Der Stalker fühlt sich im Recht und hört deshalb nicht auf.
* Der Stalker arbeitet oft subtil und schwer nachweisbar (schickt andere, schreibt Mails mit falschen Adressen) und kommt auf wirklich abartige Ideen, um dir näher zu kommen.
* Dabei nutzt er sein Wissen über dich und dein ganzes Umfeld. Schon das Beschaffen der Infos über dich kann sehr bedrohlich wirken. Er braucht Insiderwissen, um dich in deiner Privatsphäre zu verletzen.

Dein Stalker war früher nah dran an dir. Er war dein Geschäfts- oder Liebespartner, er war dein Freund oder Freundin.
Die meisten, die gestalkt werden, können es zuerst nicht glauben. Wie konnten sie sich nur in der anderen Person so irren? Warum haben sie es nicht sehen können? Es kann doch nicht sein, dass die andere Person so irre ist. Auf solche hinterlistigen, miesen Ideen der Verfolgung kommt.

Erstens: Glaub es. Nimm es ernst. Ja, sie stalkt dich. Ja, sie will dich nicht loslassen.

Zweitens: Hör auf, dir Vorwürfe zu machen. Aus irgendeinem Grund hat dein inneres Warnsystem geschwiegen oder nur ganz schwach gepiepst. Vielleicht hattest du jeweils ungute Träume, somatische Marker in Bauch oder Herz, vielleicht haben dich andere gewarnt und du hast ihnen ins Gesicht gelacht und gemeint, sie sollen sich keine Sorgen machen.

Drittens: Sieh ein, dass es keine gute, harmonische Lösung gibt
Viele versuchen den Kontakt mit der anderen Person aufzunehmen und es zu regeln. Sie wollen erklären, warum sie nicht mehr wollen, sie wollen versöhnen oder Angebot machen. Sie beantworten immer noch die Mails oder die what's up, sie lassen sich für Meetings oder Übereinkommen ein und merken dann, dass sich gar nichts verändert hat. Also gib auf.

Viertens: Rette alles, was dir lieb ist. Wenn du noch Katzen in der gemeinsamen Wohnung hast, rette sie. Wenn du ein gemeinsames Konto hast, dann hol das Geld oder tausch den Pincode. Hol einfach alles, was dir gehört in einer Nachtnebelaktion.

Fünftens: Informiere die wichtigen Personen. Das ist ein schwerer Schritt, man will die andere Person ungern anschwärzen, aber es ist wichtig, dass deine engsten Freunde, deine Familie und dein Arbeitsgeber informiert werden, dass du gestalkt wirst und dass sie unter keinen Umständen irgendeine Info zu dir hinausgeben dürfen. Du musst die Quelle der Informationen verschliessen. Du musst die Nutzfläche für den Stalker versiegeln. Denn genau diese Menschengruppe geht der Stalker an, bei ihnen holt er die Infos über dich und dort möchte er dir auch Schaden zufügen.

Sechstens: Schütze dich - kapp den Informationsdraht. Wenn all deine Schäfchen im Trockenen sind, alle wichtigen Menschen informiert, dann mach dich an die Arbeit: Sperr die Handynummer. Blockiere die Mails. Ändere deine Nummer. Mach einen radikalen Schritt, zieh einen Schlussstrich.

Siebtens: Behandle den Feind. Verbrenne ihr Bild und wünsch ihr alles Gute. Oder stell dir einen Weidenkorb vor, in welches du alles, was die andere Person gemacht hat und was sie ist, hineinlegst. Dann übergibst du ihn dem Nil und lässt ihn wie Moses damals in ein anderes Land treiben. Oder stell dir eine riesige unsichtbare Schutzglocke vor, die dich, deine Familie, deine Arbeitsstelle und alles, was dir lieb ist, umhüllt. Wenn etwas von der anderen Person an diese Schutzhülle kommt, wird der elektrische Schocker aktiviert und vernichtet das angreifende Etwas.

Achtes: Nimm es mit Humor und erzähl dir selbst eine Geschichte, die dem Ganzen die Spitze nimmt. Wie in dem Gedicht: Qualitätsmanager ohne Gehalt.
Beschreibe die andere Person nicht als Monster, Giftschlange oder Drachen, das sind viel zu grosse Tiere. Mach sie kleiner, feiner, zerbrechlicher. Nenn sie lieber hungrige Zecke, saisonaler Schmetterling oder Eintagsfliege.
Sprich nicht mehr von der anderen Person und denk auch nicht an sie. Jeder Gedanke füttert nur ihr Daseinsberechtigung. Lass sie einschlafen. Zeit heilt alle Wunden.

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