Lillis trotziger Abgesang - 2. Folge

Julia Onken, 08.10.2020

Julia Onken
Julia Onken

Es war keine gute Idee. Statt mir darüber Gedanken zu machen, weshalb die Elstern in der nachbarlichen Birke aufgescheucht durch die Äste düsen oder wie meist die Abendstunden lesend zu verbringen, griff ich nach dem Bankrottgerät, zappe mich von einer überflüssigen Sendung zur andern, bis ich dort landete, wo ich nicht wollte: Im Palaver der Woche. Da wird über Themen gequatscht, die entweder niemand interessiert, da bereits vielfach breitgetreten, oder Aktuelles und Brisantes aufgetischt, von dem eh keiner eine Ahnung hat, also lediglich eine Plattform der geladenen Diskussionstruppe bietet – meist bekannte oder weniger bekannte Personen aus der Journalistengilde – die zeigen, was man so draufhat. Oder eben nicht.

Das Thema kurvte um die im November stattfindende Präsidentenwahl in Amerika. Da geschah es, dass sich eine sonst eher blasse Diskutantin, 62, die sich vorwiegend publizistisch betätigt, aus der Deckung wagte und folgenden Satz von sich gab: «Das amerikanische Volk hat die Möglichkeit zwischen einem völlig durchgeknallten Präsidenten und einem sich kurz vor der Demenzgrenze befindenden Greises zu entscheiden.» Das sass. Stolz blickte sie in die Runde, als wollte sie sagen, was habe ich doch eben für einen grossartigen sprachlichen Wurf gelandet, während die übrigen Speakers die Klappe hielten. Der Greis, Joe Biden, ist 78 Jahre. Die Moderatorin indessen, aalglatt mit wenig Hirnbiss, fand es nicht für nötig, eine derartige Diskriminierung alter Menschen zurückzuweisen.

78, das also ist die Demenzgrenze. Ein starkes Stück. Aber niemand jault auf, ruft, halt, das kann nicht durchgehen, das ist schwerste Altersbeleidung. Warum erfolgt keine Anzeige wegen Diskriminierung? Bei Beleidigungen gegen Randgruppen wäre eine Strafanzeige die Folge. Wenn es um Alte geht, bleibt alles ruhig, niemand regt sich auf. Dies aber kann nur mit dem stillschweigenden Einverständnis geschehen, ältere Menschen zu entwürdigen und zu entwerten. Wenn einer derartigen öffentlichen Äusserung nicht widersprochen wird, wenn sie nicht an den Pranger gestellt wird, ist davon auszugehen, dass sich damit eine verheerende Gesinnung in unserer Gesellschaft einschleicht und zeigt, welcher Bewertung ältere Menschen ausgesetzt sind. Die konsequente Weiterführung endet im Senizid. Nein, keine neue Erfindung. Die Eskimos waren darin geübt, statt die Alten zu diskriminieren pickelten sie ein Loch ins Eis und schubsten die Alten hinein. Das war wenigstens eine saubere Sache.

Während im politischen Diskurs minutiös darauf geachtet wird, rechtes Gedankengut unverzüglich aufzuspüren um es möglichst bereits im Keim zu ersticken, findet in aller Öffentlichkeit eine systematische Herabwürdigung von alten Menschen statt. Nicht auszudenken, was danach folgt.

«Der Senizid, der aktive oder passive Opfertod von alten Menschen oder die Senio-Euthanasie, reiht sich ein in die grosse Frage, wie eine gegebene Gesellschaft und aus welchen Gründen sie mit ihren Alten verfährt»
Raimund Pousset, Senizid und Altentötung – ein überfälliger Diskurs

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