Lillis trotziger Abgesang

Julia Onken, 25.08.2020

Lilli
Julia Onken - Autorin der Lilli
Julia Onken - Autorin der Lilli

Lilli ist wütend. Sie ist nicht länger bereit, dem Schwachsinn, der über das Älterwerden verbreitet wurde, zu folgen. Sie ist davon überzeugt: Älterwerden in unserer Gesellschaft ist beschissen. Auf Schritt und Tritt werden die Alten entwürdigt, bevormundet sowie der Demenz verdächtigt.

Lilli analysiert rotzfrech, nennt Unsagbares beim Wort, entlarvt die billigen Tricks, mit denen versucht wird, die Senioren und Seniorinnen zu narkotisieren und für blöd zu verkaufen.

Der Anlass, zur Feder zu greifen, ist banal: Ich, Lilli, 75, bin wütend.  Normalerweise reagiere ich grundsätzlich nicht mit aggressiven Impulsen auf Störendes. Im Gegenteil: Ich bin Weltmeisterin im Ärger herunterschlucken und gleichzeitig dabei noch freundlich zu lächeln. Andere bezeichnen mich deshalb als äusserst friedliebend, stets verbindlicher Art, hilfsbereit und unterstützend. Aber ich weiss natürlich, dass hinter der netten und Genügsamkeit ausstrahlenden Fassade eine explosive Mischung lauert.

Ich habe bereits einiges an Lebenserfahrung auf dem Buckel, jawohl, denn bereits beginnt sich der einst kerzengerade aufgerichtete Rücken mit leichter Neigung nach vorne zu krümmen.

Was aber treibt mich nun dazu, mich schriftlich zu äussern? Ich gehöre ja zu den fleissig Lesenden, die das lesen, was die schreibende Zunft so von sich gibt. Schliesslich habe ich einst erfolgreich eine Buchhändlerinnenlehre mit Bestnoten abgeschlossen, indessen zur beruflichen Umsetzung kam es nicht mehr, da hinterher unverzüglich mehrfach nacheinander geschwängert, verehelicht, schliesslich geschieden und als Alleinerziehende mit drei Kindern unterwegs, also irgendwie mit Ach und Krach das Leben meisternd.

Ich bin sozusagen mit allen Wassern gewaschen, kenne die Unbill des Lebens von oben, von unten, von hinten, und gelegentlich rieche ich den Braten schon von weither. Und eigentlich könnte ich sagen «Schluss jetzt, meine Altersrente reicht gut zum Leben und zum Sterben, was will ich noch mehr.» Ich klage also nicht, gehöre nicht zu den Jammernden, die stets irgend etwas zu beklagen haben. Ich habe mich inzwischen mit dem Älterwerden eingerichtet, bin gelegentlich grundlos zufrieden, habe mich daran gewöhnt, dass ich mich in der Phase der nachlassenden körperlichen und geistigen Kräfte in einer Abwärtsbewegung befinde.

Ich lese viel, meist Sachbücher und bilde mich auf diese Weise stets weiter.

Ich bin also bestens über Neuerscheinungen informiert, beobachte mit grösstem Interesse, welche Themen auf grosse Resonanz stossen. Es sind dies die Bereiche Umwelt, Finanz- und Bildungskrise, Gesundheit, Älterwerden und Tod. Aus verständlichen Gründen der Selbstbetroffenheit ist es wohl nicht verwunderlich, wenn mich vor allem die Titel interessieren, die sich mit dem Prozess des Alterns befassen. So wühle ich mich durch die zahlreichen zum Teil philosophischen Ausführungen und praktischen Ratschläge. Und je mehr ich dieses Genre zu verarbeiten versuche, um so ratloser werde ich. Inzwischen ist mir meine diesbezügliche Zurückhaltung abhandengekommen, und ich kann der vielfältigen Glorifizierung des Alterns, den hymnischen Lobgesängen über die grossartigen gewinnbringenden Reifungsprozesse nichts abgewinnen. Im Gegenteil. Ich bin es leid, mir immer wieder etwas vorgaukeln zu lassen, um der Wahrheit nicht ins Auge blicken zu müssen, um die Realität nicht beim Namen nennen zu müssen, und deshalb bin ich masslos empört.  Jawohl, das alles macht mich wütend! Denn Älterwerden ist nicht ein virtueller Prozess, den sich irgendein ängstlicher Senior am Schreibtisch ausdenkt, um sich selbst Mut zuzusprechen. Die Realität sieht ganz anders aus: Altern ist beschissen. Unbarmherzig nagt die Zeit an Muskeln und Gelenken, es macht nun wirklich keinen Spass, wenn man plötzlich wie ein gestrandeter Fisch am Boden liegt und man sich selbst nicht mehr auf die Beine bekommt. Oder wenn das Hirn schlapp macht und einem um alles in der Welt der Wochentag nicht mehr einfallen will oder man wie der Ochs am Berg im Auto hockt und  beim besten Willen nicht mehr weiss, wo sich das Zündschloss befindet.

Ich habe diesbezüglich bereits einschlägige Erfahrungen gemacht, kenne mich darin bestens aus. Ich kenn mich in Altersdiskriminierung, Geringschätzung, Beschämung und Herabwürdigung bestens aus. Und ich bin nicht allein. Flankiert von Freundinnen und Bekannten, die ihrerseits ebenfalls in die Dreschmaschine des Älterwerdens geraten sind und wie ich versuchen, irgendwie damit klarzukommen.

Mara

Da ist meine Freundin Mara, 81, in grossmütterlichen Dienstplänen eingebunden, insgeheim immer hoffend, irgendwann doch noch auf die grosse Liebe zu treffen. Dafür steht sie jeden Tag auf die Waage, lebt streng nach Diät, will auf alle Fälle ihre schlanke Taille einst mit ins Grab nehmen. Ihre Enttäuschungen sind vielfältig, denn eigentlich würdigt sie kein einziger Mann mehr eines Blickes. Ich habe sie schon einige Male darauf hingewiesen, dass die Sache längst gelaufen sei, aber sie hört nicht auf mich.

Lotti

Die andere enge Freundin ist Lotti, 76, eigentlich heisst sie Liselotte, promovierte Physikerin. Ein gescheites Mädchen – in jeder Beziehung. Ihrem wissenschaftlichen Streben wurde mit Schlag 65 der Stecker gezogen, sie lebt seither verrentet, ist sinnsuchend unterwegs und bemüht sich täglich, ihren arbeitslosen, sich langweilenden Synapsen etwas Bewegung zu verschaffen, indem sie sich mit mathematschen Aufgaben beschäftigt.

Wir alle wissen, was Altern heisst. Ich aber will mit der kollektiven Verherrlichung des Alters gründlich aufräumen und aufzeigen, wie beschissen zuweilen das Älterwerden ist und mit welchen Themen ältere Menschen sich herumzuschlagen haben.

Denn nur auf der Basis von Wahrhaftigkeit können realistische und hoffentlich realisierbare Konzepte für das Älterwerden entwickelt werden.

 

Fortsetzung folgt...

Diese Webseite verwendet Cookies. Durch die Nutzung der Webseite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Datenschutzinformationen