Matthias Wiemeyer | Ins Gleichgewicht zurückwursteln

Matthias Wiemmeyer, 29.04.2020

Matthias Wiemeyer
Matthias Wiemeyer

Ich bin guter Dinge. Trotz Corona.

Das hat etwas gedauert. Weil das Mediengetöse schwindlig macht, weil selbst Qualitätsmedien die Welle reiten, bis auch dem Letzten schlecht wird.

Jetzt ignoriere ich die Medien einfach. Ich werde nichts Wichtiges verpassen. Irgendjemand wird mich anrufen, wenn die Welt untergeht.

Die Versuchung

Zukunftsprognosen haben wieder Hochsaison. Aus allen Ecken dringen sie zu mir. Sie unterscheiden sich kaum: Anscheinend erfindet sich die Welt gerade neu. Wir erleben einen «Paradigmenwechsel» oder eine «Bifurkation». Kein Stein bleibt auf dem anderen und wir alle müssen uns warm anziehen.

Das halte ich für kolossalen Unfug.

Faszinierend ist, wie viele gescheite Leute der Versuchung erliegen, die Zukunft vorherzusagen. Leute, die nie zu einem Wahrsager gehen, an keinen Gott glauben und sich nie die Karten legen lassen, trauen sich plötzlich zu, die Zukunft zu kennen.

Das ist typisch für Krisen, dass Menschen, auch kluge, ihre Ängste und Hoffnungen mit der Zukunft verwechseln.

Zum Glück: Die Zukunft ist offen

Die Zukunft ist ungewiss. Immer und ausnahmslos. Ob es den lieben Gott gibt oder nicht, ob Sie an etwas glauben oder nicht, ob wir gerade Krise haben oder nicht: Die Zukunft ist ungewiss. Will sagen: Man kann nicht wissen, wie sie sein wird.

Wer glaubt, die Zukunft sei vorhersehbar, verstrickt sich in heilloses Durcheinander – wie in dieser Geschichte von Anthony de Mello:

Der Tod wartet in Samarra

Ein Kaufmann in Bagdad schickte seinen Diener mit einem Auftrag zum Basar. Der Mann kam blass und zitternd vor Angst zurück.

«Herr», sagte er, «auf dem Markt traf ich einen Fremden. Als ich ihm ins Gesicht blickte, sah ich, dass es der Tod war. Er wies mit einer drohenden Gebärde auf mich und ging davon. Nun habe ich Angst. Bitte gebt mir ein Pferd, dass ich sofort nach Samarra reiten kann, um mich möglichst weit vom Tod zu entfernen.»

Der Kaufmann war besorgt um den Mann und gab ihm sein schnellstes Ross. Der Diener sass auf und war im Handumdrehen verschwunden.

Später ging der Kaufmann selbst auf den Basar und sah den Tod in der Menge herumlungern. Er ging zu ihm hin und sagte: «Du hast heute morgen vor meinem armen Diener eine drohende Gebärde gemacht. Was sollte das bedeuten?»

«Das war keine drohende Gebärde, Sir», sagte der Tod. «Es war nur ein erstauntes Zusammenfahren, weil ich ihn hier in Bagdad traf.»

«Warum sollte er nicht in Bagdad sein? Hier wohnt er doch.»

«Nun, mir hatte man zu verstehen gegeben, dass ich ihn heute Abend in Samarra treffen würde.»

Sie sehen: Von der Zukunft lassen wir besser die Finger. Vor allem, wenn sie Angst macht. Sonst schaffen wir uns das Problem, das wir so verzweifelt lösen wollen.

Wenn die Zukunft bekannt ist, wird alles bedeutungslos. Klimaschutz, Gleichberechtigung, Menschenrechte: Nichts ist mehr wichtig, weil nichts mehr einen Unterschied macht. Alles verschwindet, weil eine fixe Zukunft dafür keinen Platz hat. 

Aber zum Glück ist die Zukunft ja offen. Lassen wir uns überraschen.

Wenn wir wachsam und mitfühlend in der Gegenwart leben, entfaltet sich die beste aller Welten. Die Vergangenheit ist schon vorbei und die Zukunft ist noch nicht da. Die beste Zukunft bauen wir mit Herz und Verstand im Hier und Jetzt.

Jetzt sagen Sie: Aber wir müssen uns doch etwas einfallen lassen. Irgendwie müssen wir uns auf die Zukunft einstellen. Wir können doch nicht einfach in den Tag hineinleben?

Politiker, Manager und andere arme Teufel

Wenn wir jetzt über die Zukunft nachdenken, können wir uns ungeniert eingestehen, dass wir nicht wissen, was kommt.

Wir greifen nach den attraktivsten Strohhalmen und tasten uns Schritt für Schritt voran. Wir bilden Hypothesen, probieren etwas aus und schauen, was passiert. Vielleicht haben wir heute eine geniale Idee, die sich schon morgen als Irrtum erweist. Dann haben wir etwas dazugelernt und testen die nächste Idee.

Lachen Sie ruhig. In turbulenten Zeiten ist das die beste Strategie. Aber eine, die sich nur leisten kann, wer keinem Fremden Rechenschaft schuldet.

Deshalb können Politiker, Vorstände und Berater sie nicht benutzen. Sie müssen immer vernünftige Gründe parat haben. Am besten mit Studie und Statistik.

Man stelle sich eine Pressekonferenz vor, in der ein Bundesrat seinen Vorstoss wie folgt begründet:

«Neulich beim Frühstück hat mich meine Frau auf die Idee gebracht, wir könnten bei der Einkommensteuer mal etwas Neues probieren. Sie kam drauf, als unsere Tochter im Sandkasten spielte. Und seither juckt es mich in den Fingern, das mal umzusetzen.»

Sowas dürfen Politiker nicht. Das dürfen nur Unternehmer, die ihr eigenes Geld verwetten. Politiker müssen sich absichern. Am besten mit harten Fakten, hinter denen renommierte Fachleute stehen.

Deshalb hören einflussreiche Leute gerne zu, wenn ein Professor die Zukunft voraussagt. Oder sie erfinden eigene Szenarien, die sie als Zukunft verwenden. Ist die Zukunft mal vorausgesagt, kann man alle Entscheidungen damit begründen. Vielleicht sogar einen Ritt nach Samarra.

Lesen Sie das bitte nicht als Politiker- oder Managerschelte. Es gehört bei diesen Berufen zum Job, Gewissheiten zu behaupten, wo keine sind. Denn Wähler und Shareholder sind Fluchttiere, die mit der Kutsche durchgehen, wenn es brenzlig wird.

Warum wir Optimisten sind

Alle Achtung, wenn Sie jetzt noch hier sind. Sie haben sich das Happy-End verdient.

Wir sehen optimistisch in die Zukunft. Das kann ein Irrtum sein. Aber es spricht viel dafür.

Unsere Wirtschaft und unsere Gesellschaft sind lebendige Systeme, die sich dauernd verändern. Sie verändern sich, wie alles Lebendige, weder notwendig noch zufällig.

Weder notwendig noch zufällig – das braucht ein Beispiel:

Wenn zwei sich unterhalten, ist es immer etwas überraschend, was als Nächstes gesagt wird. Wäre es schon vorher klar, dann wäre es keine Unterhaltung, sondern ein militärisches Ritual oder eine Ehekrise.

Lebendiges spielt sich zwischen Notwendigkeit und Zufall ab, mit einem Sicherheitsabstand zu beiden Seiten. Das ist auch gut so. Die Freiheitsgrade brauchen wir, um uns in turbulenten Zeiten freizuruckeln. Aber ganz beliebig können wir es auch nicht treiben, weil wir Körper ohne Flügel haben, Erinnerungen, Begabungen und Gewohnheiten, die begrenzen, was wir tun und denken können.

Hinzu kommt: Was lebendig ist, strebt nach Beständigkeit. Es gibt arme Schlucker, die im Lotto gewinnen, nur um ein paar Jahre später wieder arme Schlucker zu sein. Oder Unternehmen, die die neue Strategie nicht auf die Strasse bringen, weil keiner dran glaubt und Jogger, die bei jedem Wetter laufen gehen und Raser, die es auch bei Glatteis nicht lassen können und Köche, denen immer etwas Leckeres einfällt – egal was gerade noch im Kühlschrank ist.

Wegen dieser Sturheit fällt nicht alles auseinander, wenn in der Umwelt etwas Drastisches passiert. Sofort setzen schützende Reflexe ein. Ganz automatisch überlegen wir: «Wie kann ich möglichst viel von dem festhalten, was ich schon kenne?». Und erst wenn es gar nicht anders geht, machen wir etwas radikal Neues. Aber nur soweit und solange es unvermeidlich ist.

Solche Reflexe sind das sturmerprobte Fundament unserer Familien, unserer Institutionen und unserer Gesellschaft. Genau jetzt fragen sich Millionen Menschen: «Wie kann es weitergehen, ohne dass sich allzuviel ändern muss?». Nur eine Minderheit wird radikal neue Wege gehen und damit Kapitel aufschlagen, die wir uns nicht träumen lassen.

Ein kleines Bisschen werden wir alle uns verändern. Aber wir werden uns und unsere Welt leicht wiedererkennen, wenn das neue Normal da ist. (Das ist keine Voraussage, sondern eine begründete Hoffnung.)

Denn das ist der machtvolle Trick, den alles Lebendige drauf hat, der Trick, der es im Kern bestimmt, der Trick, wegen dessen es noch da ist:

Der Trick, sich ins Gleichgewicht zurückzuwursteln, wenn man gestrauchelt ist.

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