Pioniere unterwegs; der etwas andere Weg

Béatrice Stössel, 05.10.2020

Béatrice Stössel
Béatrice Stössel

An einem Sommermorgen, flatterte ein Aufruf in meinen Briefkasten: Machen Sie mit und helfen Sie uns, einen grossen Obstgarten anzulegen, war zu lesen. Siebzig Hochstammobstbäume, Wildobststräucher sowie zwei Wildhecken sollten gepflanzt werden. Eine Heimat für Vögel, Kleintiere, Bienen, Schmetterlinge und andere Insekten. Ein grossartiger Beitrag zur Biodiversität und das ganz in meiner Nähe. Die Initianten luden ein, Sponsor/In zu werden, aktiv mitzumachen, sei es bei der Arbeit oder mit einem monetären Beitrag. Super Idee, jubelte mein „Grünherz“, das muss unterstützt werden. Doch der „Zweifelgeist“ monierte postwendend: Da kann jeder kommen und um Geld bitten. Pass bloss auf, dass du nicht in den Mist trittst! So landete der Aufruf auf dem Stapel Dringend erledigen. Was dort landet hat gute Chancen auf einen dauerhaften Ehrenplatz. Doch ich hatte die Rechnung ohne meine Nachbarin gemacht. Sie überzeugte mich, eine kurze Ausfahrt zu unternehmen. Nach nur drei Minuten parkte sie den Wagen am Strassenrand und wir stiegen aus. „Da, schau!“ Auf der grossen Wiese standen junge Obstbäume in Reih und Glied. Das Initiantenpaar - Simone und Martin Graf - hackte schwitzend neue Löcher für weitere Pflanzen in den Boden. „Kommen sie ruhig näher“, rief uns Martin Graf zu. Das liessen wir uns nicht zweimal sagen. Mein Grünherz jubelte und tadelte den Zweifelgeist: Siehst du, alles ganz seriös.

Simone Graf fuhr fort: „Wissen Sie, uns ist es ein grosses Anliegen, der Natur Raum zu geben. Vor allem den Insekten, die brauchen wir dringend. Ohne sie läuft über kurz oder lang gar nichts mehr.“

„Ist das nicht eine fantastische Idee? TATEN STATT WORTE“, ereiferte sich meine Nachbarin, während ich mich schämte, weil das Schreiben dieses tüchtigen Paares auf meinem Dringlichkeitsstapel seinen Dornröschenschlaf hielt. Ich wollte mehr erfahren über den Naturhof Stierenacher im Zürcherischen Lindau. Simone und Martin Graf luden mich im August 2020 zu sich auf den Hof ein. Was die beiden zu berichten hatten, möchte ich Ihnen nicht vorenthalten.

Simone Graf = SG: Wir möchten zeigen wie man aus eigener Kraft und mit gutem Willen etwas für die Natur tun kann. Das Umsetzen des Pflanzprojekts 19/20 ist für uns eine Herzensangelegenheit und es bestimmt unsere Freizeit. Wir arbeiten mit viel Leidenschaft, um das gesteckte Ziel zu erreichen – mit unserem Land, unserer Zeit, der eigenen Arbeitskraft und etlicher unserer finanziellen Mittel. Diese Leistungen betrachten wir als persönlichen Beitrag an einer Wiedergutmachung der Ausbeutung der Natur durch den Menschen. Wir möchten mit gutem Beispiel vorangehen und sowohl Landwirte als auch Private für das Thema Biodiversität sensibilisieren. So entstand die Idee, mit der Hilfe von Sponsoren ein Projekt aus dem Boden zu stampfen, welches Vorzeigecharakter hat und zum Ideenpool für Andere werden kann. Obstbäume, Wildobststräucher sowie Wildhecken pflanzen und ökologisch pflegen,damit allerlei Tiere hier einen für sie idealen Lebensraum finden und sich vermehren können. Nach seiner Fertigstellung ist der Obstgarten für Besucher zugänglich und es darf auch genascht werden.

Martin Graf = MG: Mit viel Idealismus starteten wir im Frühling 2019. Als unsere Bestellung für zahlreiche Obstbäume, Wildobststräucher und Wildhecken abgeschickt war, hatten wir keine Ahnung, wie wir das alles finanzieren sollen. Die Eigenmittel deckten gerade mal 30% ab, deshalb starteten wir diesen Aufruf.

SG: Wir gestanden uns ein, etwas grössenwahnsinnig gehandelt zu haben. Nie hätten wir gedacht, dass uns so viele Menschen unterstützen. Mit Herzklopfen und grosser Spannung verfolgte ich die wachsende Summe, die auf unserem Spendenkonto für dieses Projekt eintrudelte. Über hundert Personen krönten unsere Idee und überwiesen Geld. Wir wurden übermütig und erweiterten die Order. Statt der geplanten siebzig Hochstammbäume kauften wir 110 Stück und es sind heute hundert Wildobststräucher die Wurzeln schlagen, statt derer sechzig. Ausserdem haben wir die gesamte Anlage um eine dritte Wildhecke erweitert. Die erste Hürde ist geschafft. Doch nun gilt es, alles nach agrarökologischem Standard zu pflegen. Die Hilfsmittel, die wir – falls notwendig – ausbringen, sind alle FiBL-zugelassen.

Béatrice Stössel = BST: FiBL? fragte ich nach.

SG: Das ist das Forschungsinstitut für biologischen Landbau, klärte mich Frau Graf auf. Und so ganz nebenbei bombardierte sie mich mit weiteren Fachausdrücken. Zwei sich oft wiederholende Begriffe lauteten: Genetische Ressourcen und Agro-Biodiversität.

SG: Im Falle der Kulturpflanzen und Nutztierrassen wird von Agro-Biodiversität gesprochen. Diese zu erhalten bedeutet, die genetischen Ressourcen für die Landwirtschaft der Zukunft zu sichern. Es ist eine Kunst, Stauden, Sträucher und Obstbäume zu pflegen und zu vermehren. Fachwissen ist das A und O und hier kommt mein Mann zum Zug, als Fachmann und Landschaftsgärtner. Sein handwerkliches Geschick ist mehr als gefragt.

BST: Wo liegt Ihr Mehrwert bei der ganzen Sache?

SG: Es wird die Ernte sein. Aber das wird noch ein paar Jahre dauern. Dann allerdings schenken uns das Stein- und Kernobst, die Beeren und Nüsse einiges für den Verkauf und die eigene Küche. Insbesondere die Inhaltsstoffe der Wildpflanzen sind wertvoll für die menschliche Ernährung. Alles können wir nutzen, nicht nur die Blüten und Früchte, auch die Rinden und Wurzeln, sie lassen sich in der Pflanzenheilkunde einsetzen. Für den Moment freuen wir uns einfach, dass wir im Dreh- und Angelpunkt zwischen Flughafen, Zürich und Winterthur ein Gegengewicht zu Verkehr, Grossstadt und Industrie geschaffen haben.

BST: Wie gross ist der Zeitaufwand und wie bewältigen Sie alles, will ich wissen?

MG: Manchmal wird’s schon ein bisschen viel. Ich bin selbständiger Landschaftsgärtner, meine Frau arbeitet in einer Tiefbaufirma mit einem 80% Pensum. Abends und an den Wochenenden wird gemäht, eingepflanzt oder gejätet, Zäune gebaut und geflickt, gebohrt und gehämmert, sei es bei Sonnenschein oder Wolkenbruch. Wir arbeiten pausenlos für unseren Traum.

BST: Beeindruckend, was sie gemeinsam leisten. Was treibt sie an?

SG: Ganz sicher die Biodiversität. Die Vielfalt der Wildpflanzen und Wildtiere sowie der Kulturpflanzen und Nutztierrassen muss mit allen Mitteln erhalten werden. Der Naturhof Stierenacher ist nicht nur unser Zuhause, sondern unser persönliches Agrarökologieprojekt. Unser Grund und Boden soll sich in eine Insel voller Leben verwandeln. Dazu gehören auch unsere Tiere, zum Beispiel die entzückenden Ouessantschafe, übrigens die kleinste Rasse Welt.

Und tatsächlich, diese hübschen Tiere mit ihrem gekrausten Fell schloss ich gleich ins Herz.

SG: Ihr Reich ist der alte Obstgarten, dort sind sie zuständig für „ökologisches Mähen“. Des Weiteren liefern sie uns wertvolle Wolle und natürlichen Dünger in Form von Mist.

MG: Unsere Legehennen geniessen bei uns ihr zweites Leben nach ihrem Dasein im Grossbetrieb und spazieren ebenfalls gerne im Obstgarten herum. Das entdeckte leider auch schon der Fuchs.

SG: Der Fuchs kommt tatsächlich öfters zu Besuch und hat bereits mehrere Hühnerleben auf dem Gewissen. Deshalb sind die Tiere abends, nachts und früh morgens im Freigehege und nur am helllichten Tag auf der Weide.

BST: Der Biodiversitäts-Obstgarten kostet bestimmt einiges. Haben die Spenden des ersten Aufrufes für alles gereicht?

SG: Die erste Etappe ist geschafft, doch kommenden Herbst/Winter müssen noch Ergänzungs- und Ersatzpflanzungen gemacht werden. Sponsoren sind uns deshalb nach wie vor sehr willkommen. Zudem verschlingt die Pflege der Anlage ordentlich Geld, aber auch sehr viel Zeit. Ein wahrer Segen wäre ein begeisterter und ausdauernder Mäusejäger. Oder ein fachlich versierter Obstbaumpfleger, der uns beim Erziehungsschnitt unterstützen könnte. Leute, die jäten, die Pflanzen aufbinden oder Steine zusammenlesen, Menschen die anpacken und die Freiwilligenarbeit leisten möchten, sind herzlich willkommen.

MG: Kommen Sie, machen wir einen Rundgang.

Wie schlendern los. Die Jungbäume stehen in Reih und Glied wie angetretene Soldaten, dazwischen die Wildobststräucher, das Ganze umrahmt von drei langen Wildhecken. Am Rand entlang des Grundstücks entdecke ich Unkraut und denke: Jäten wäre wirklich angesagt. Und als ob Simone Graf meine Gedanken hätte lesen können erklärt sie:

SG: Was hier wächst und gedeiht, ist unser Blühstreifen, dahinter sehen sie einen grossen Asthaufen, beides dient als Refugium für Igel, Mäuse, und viele Insekten.

Ich grinse. Diese Frau ist wirklich sehr aufmerksam und bemerkte sofort, dass ich nicht viel von naturnahem Anbau verstehe. Als wir um das zwei Hektar grosse Areal spaziert sind, entdecke ich vor dem Haus eine Menge Quadersteine, Holzbalken, Pflastersteine und frage mich wozu die gut sein sollen. Noch bevor ich nachfragen, kann erklärt Martin Graf:

MG: Das ist unser Baumaterial für den Gemüsegarten, den wir als nächstes Projekt anpacken. Dem Wildwuchs, den sie hier sehen, werden wir Einhalt gebieten und Gemüse für den Eigenbedarf terrassenförmig anbauen. Dazu braucht es die grossen und kleinen Steinbrocken, die wir alle von Abbruchobjekten zusammengetragen haben.

SG: Die Grünflächen zwischen den Baumreihen ackerbaulich zu nutzen gehört zu weiteren Ideen, die uns vorschweben. Kartoffeln, Wintergemüse oder Linsen können dort angebaut werden. Ein erster Versuch scheiterte kläglich, die Wildschweine frassen alles weg. Keine einzige Knolle liessen die Tierchen für uns übrig. Das haben wir jetzt von unserer Gutmütigkeit und Tierliebe.

BST: Ist düngen überhaupt ein Thema und wie wehren Sie sich gegen Unkraut.

SG: Unerwünschte Beikräuter wie die Blacke oder den Amarant jäten wir aus. Unsere Pflanzen düngen und stärken wir mit Brennesseljauche, Schafmist, der Bein- und Bauchwolle der Schafe (die wird nicht verarbeitet da nicht geeignet) sowie mit Hornspänen.

Dass diese Jauche zum Himmel stinkt weiss sogar ich als ehemaliges Stadtkind.

Unser Spaziergang endet im Kräutergarten. Augenfällig ist eine schon fast antik anmutende Badewanne, aus welcher Basilikum quillt als sei sie gerade am überlaufen. Riesenbüsche von Rosmarin, Salbei, Oregano und Kräuter die ich nicht kenne, stürzen ins Auge. Ich reibe an den Blättern und atme die Düfte ein, erkenne Pfefferminz, Zitronenmelisse, Thymian.

SG: Wenn Sie erraten was das für ein Kraut ist, sind Sie eine Kennerin.

Die Herausforderung nehme ich an und glaube, dass mir dieser Geruch schon irgendwo in die Nase stach. Er erinnert mich an Sonntag und Kirchgang, doch damit liege ich bestimmt falsch. Ist ja zu absurd, dieser Gedanke.

SG: Es handelt sich um eine Weihrauchpflanze, eine sehr wertvolle Heilpflanze. Bei Erkältung brauen Sie einen Tee mit diesem Kraut, angereichert mit etwas Ingwer und Sie sind in null Komma nichts wieder gesund. Nehmen Sie eine mit, sie werden staunen.

Das mit dem Sonntag war gar nicht so schlecht, denke ich, und klopfe mir im Geist lobend auf die Schulter. Ein Blick auf die Uhr zeigt, dass es Zeit wird, die beiden in den Feierabend zu entlassen. Ich bedanke mich und bin beeindruckt ob dem Engagement und Herzblut dieses Paares für eine bessere Welt. Für die Anliegen des Naturhofs Stierenacher werbe ich mit Freuden, versichere ich den Landedelleuten „Gräfin und Graf vom Stierenacher“. Meine Investition trägt hier Früchte und ich bin auch in Zukunft mit von der Partie, ganz nach dem Motto: TATEN STATT WORTE!

PS 1: Simone Graf studierte an der ETH Zürich und doktorierte in Agrar- und Umweltökonomie

PS 2:  Unter www.stierenacher.ch/pflanzprojekt können Sie eine Spende tätigen. In Form eines Newsletters erhalten Sie dann von Zeit zu Zeit Post mit den neusten Geschichten vom Hof 

PS 3:  And last but not least: Wann immer Sie auf der Suche nach einem sinnvollen und nachhaltigen Geschenk sind, mit einem Beitrag an den Naturhof Stierenacher in Lindau/ZH liegen Sie bestimmt richtig.

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