Sehr geehrter Herr Lagerfeld

Béatrice Stoessel, 26.03.2019

Beatrice Stoessel
Beatrice Stoessel

Wie viele Augenpaare füllten sich wohl mit Tränen, als sie von Ihrem Ableben erfuhren? Zu wissen, dass DER Modezar unzählige modebewusste Frauen auf unserem Planeten für immer verließ, war für diese Damen bestimmt ungemein schmerzlich. „Ein Genie ging von uns.“ Das Klagelied war weltweit zu hören.

Doch es kam der Tag, da ich mit Ihrem Zitat konfrontiert wurde. Und damit nicht genug! Innert drei Wochen sollte ich mir Ihre Worte einverleiben. Sollte über diese Methode des „Rausschmeissens versus Reinlassens“ philosophieren und mich mit Ihrer Aussage auseinandersetzen. Ich sage es frank und frei, mir fiel erst gar nichts dazu ein. Lediglich ein grosses Unbehagen machte sich breit. Wie leicht ist es doch für die Reichen und Schönen, auf das arbeitende Volk zu schauen und dieses mit eben solchen Weisheiten wie: «Man muss das Geld zum Fenster hinauswerfen, damit es zur Türe wieder hereinkommt.» zu gängeln.

Sehr geehrter Herr Lagerfeld, ich mag es ganz und gar nicht, wenn wohlhabende Menschen von oben herab verlauten lassen: Geld interessiert mich nicht! Ich empfinde es als Hohn all denen gegenüber, die täglich harte Arbeit verrichten und oftmals schlecht oder ungerecht bezahlt werden dafür.  Männer und Frauen die ein Leben lang jeden Cent umdrehen müssen, damit sie mehr schlecht als recht über die Runden kommen. Die Reichen kümmert dies meistens wenig. Ihren Ausspruch zu lesen, brachte mich in Rage!  Klar, wer kaufmännisch denkt weiss, erst muss gesät werden bevor man ernten kann. Das Prinzip ist mir nicht fremd. Nur, wenn ich bedenke, wie lange ich wohl für eine Robe von Ihnen hätte arbeiten müssen??? Es wäre (m)ein Hinauswurf von Geld gewesen. Aus meinem Fenster wohlverstanden. Und hereinspaziert wäre der schnöde Mammon durch Ihre Türe.

Ich höre sie argumentieren: „Dafür hätten Sie ein Kleid von mir besessen!“ Herr Lagerfeld – NEIN, eben nicht, denn Sie kreierten Mode für Giacomttifiguren, nicht für normale Frauen wie ich eine bin. Ich hätte ihr Kleid also in eine Glasvitrine hängen müssen, um es dort sehnsuchtsvoll zu bewundern oder mich zu Tode hungern, um es tragen zu können. Und dies deshalb, weil Sie Mode einzig an Kleiderhaken-Frauen schön fanden.

Schade eigentlich, denn Ihre Mode gefiel mir sehr wohl. Aber mein gebärfreudiges Becken hätten die Nähte ihrer Roben platzen lassen, obwohl ich Kleidergröße 42 noch als „normal“ betrachte. Für Sie war sie es mit Bestimmtheit nicht. Vielleicht hätten Sie noch viel mehr Erfolg gehabt, mit Kreationen in größeren Größen. Die Herzen der figurbetonten Frauen wären Ihnen in Scharen zugeflogen. Doch so blieb das Geld für eine solche Eskapade bei mir, und wanderte nicht bei Ihrer Türe wieder herein.

Diese Webseite verwendet Cookies. Durch die Nutzung der Webseite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Datenschutzinformationen