Und gib uns unseren täglichen Selbstbetrug

Meta Zweifel, 04.09.2020

Meta Zweifel
Meta Zweifel

Erinnern Sie sich noch an das Lied, in welchem der begnadete Berner Troubadour Mani Matter die Geschichte vom Eskimo und seinem Cembalo erzählte? Ein Eskimo in Grönlands Einöde hatte durchs Radio den Klängen eines Cembalos gelauscht und – von dieser Klangwelt total fasziniert – im Tausch gegen zwei Flaschen Lebertran ein Occasion-Instrument erstanden. Als er jedoch eines Tages in seiner Höhle fortissimo das Cembalo erklingen liess, drang ein Eisbär zu ihm vor und tötete ihn. Mani Matters hintersinnige Moral von der Geschichte: „Kunscht isch geng es Risiko“

Anfang August, sprach Bundesrat Alain Berset, an einer Pressekonferenz, von fragenden Journalisten umzingelt, den bedeutungsschwangeren Satz: „Ein Nullrisiko gibt es selten.“

Die Journalistinnen und Journalisten, die in eifriger Bissigkeit nach Ursache und Wirkung, nach beinharten Prognosen und krisenfester Verlässlichkeit gefragt hatten, vermochten diesem Satz nichts entgegenzusetzen. Die Suche nach Befriedigungsverheissungen oder nach simplen Lösungen gemäss dem Grundmuster „Ich Ideal, du Skandal.“ lief ins Leere.

 „Kunscht isch geng es Risiko.“ Die Corona-Krise macht uns in unterschiedlichen Härtegraden bewusst, dass auch das Leben im Grunde eine unablässige Aneinanderreihung von Risiken ist. „Media vita in morte sumus“, mitten im Leben sind wir vom Tod umgeben, heisst der Text eines gregorianischen Gesanges aus dem frühen Mittelalters. Dieses urtümliche Wissen kann unversehens in uns aufsteigen, wenn etwa ein junger Mensch durch einen Unfall früh zu Tode kommt, oder wenn eine Todesanzeige uns überrascht – „aber ich habe doch vor etwa 14 Tagen noch mit ihr gesprochen...“ 


Im Alltagsgetriebe jedoch denken wir selten an die Zerbrechlichkeit unseres Daseins. Wie denn auch?  Würden wir anhaltend in diesem mittelalterlichen Media vita-Gefühl leben, würden wir kein Haus bauen, keine Firma gründen oder kein Kind aufziehen wollen. Nicht einmal das berühmte Apfelbäumchen, von dem Martin Luther gesprochen hat, würden wir pflanzen wollen. Und so schliessen wir Versicherungen ab, versuchen wir Risiken zu minimieren, wir planen, entwickeln, wir schauen nach vorn, immer nach vorn – als seien uns Unsterblichkeit und Unversehrtheit zugesichert worden.

Es muss wohl so sein, dass wir das verdrängen, was uns ängstigt.

Ein kluger Mensch hat einmal gesagt, es müsste ein 11. Gebot geben, mit dem Wortlaut „Und gib uns unseren täglichen Selbstbetrug.“

Ohne die raffinierten Spielarten des Selbstbetrugs wäre die Risiko-Gefahr derart gross, dass wir nichts mehr würden wagen wollen. Mag sein, dass irgendwann einmal philosophisch gebildete Leute analysieren, ob auch die Anti-Corona-Massendemonstrationen und all die Schutzmaskenverweigerungs-Kampagnen mit Selbstbetrug zu tun hatten. Mit jenem Selbstbetrug, der die Angst vor der Ungewissheit zu mildern versucht.

Wir wollen doch so gerne unser eigener „Master of lifestyle“ sein. Nur schon die Verweigerung, eine Schutzmaske zu tragen, kann vermutlich manchen Menschen das Gefühl, geben als Meister und Meisterinnen in ihrem Lebenshaus die Befehlsgewalt zu haben. Selbstbetrug ist manchmal ein Filter, der Furcht erträglich macht.

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