Vom finalen Abschied

Mathias Jung, 06.08.2020

Mathias Jung
Mathias Jung

Von Sigmund Freud kennen wir das psychoanalytische Konstrukt von den Gegentrieben Eros und Thanatos. Hierbei fungiert der griechische Todesgott Thanatos als Namensgeber. In seiner Schrift Jenseits des Lustprinzips (1920) führt der Wiener Tiefenpsychologe aus: Während der Eros nach Zusammenhalt und Vereinigung tendiere, strebe der Todestrieb nach dem anorganischen Zustand des Unbelebten, der Starre, der Auflösung von Bindung. Die Frage stellt sich: Habe ich beim Tod eines geliebten Menschen nicht aussichtslos gegen Thanatos verloren?

Was kann ich gegen den finalen Abschied tun? Bin ich hilflos? Hat der Tod das letzte Wort? Nicht ganz, wissen wir. Denn wir können bei und mit dem Schmerz den geliebten Verstorbenen in unser Herz nehmen, ihm darin ein Heim errichten. Eines der schönsten Wege, dem Toten zu begegnen, stammt aus der Psychotherapie. Es ist der imaginäre Brief. Imaginär, weil er ja den Toten nicht in der Realität erreichen kann. Wie kostbar und befreiend so eine epistolare Begegnung mit dem Dahingeschiedenen sein kann, zeigt mir der Brief von Anja an ihren Onkel Ludwig, genannt »Lu«. Sie hat mir erlaubt, dieses beispielhafte Dokument der Liebe mit ihrem Namen zu veröffentlichen. »Lieber Lu«, schrieb sie im Mai dieses Jahres, »es tut mir leid, dass ich Dir erst jetzt schreibe. Was ich Dir sagen möchte, hätte ich Dir besser zu Deinen Lebzeiten gesagt. Aber es ist immer so, wenn es darauf ankommt, sind oft nicht die richtigen Worte da.«

Nun sprudelt es aus ihr heraus: »Du warst ein sehr wichtiger und wertvoller Mensch für mich, auch wenn ich es Dir kaum zeigen konnte, und das tut mir von Herzen leid. Genauso, wie es mir leidgetan hat, dass so ein lieber und wertvoller Mensch wie Du so ein Schicksal erleiden und so viele Jahre schwerkrank im Bett liegen musste. Du hast so viel für mich getan. Mich hat es immer gefreut, wenn ich zu Euch zu Besuch gekommen bin und Ihr drei Euch über mich gefreut habt. Du hast mit Deiner Frau Heide die Liebe zur Musik und zur Oper in mir geweckt, und dafür werde ich Euch für immer dankbar sein, denn das ist für mich eines der schönsten und wertvollsten Geschenke, die ich jemals in meinem Leben bekommen habe. So wird ein Teil von Dir auch in mir weiterleben.«

Anja verdankt ihm den Humor, vor allem aber die Lebensfreude: »Ebenso wie Dein Sinn für das Schöne, das Du wirklich genießen konntest; ob es Musik war, ein gutes Essen, ein guter Wein oder eine schöne Umgebung. Ich kenne außer Dir kaum einen Mann, der auch gern Blumen auf dem Tisch hat … Wir haben so viel zusammen gelacht. Wenn wir zusammen einen Film im Fernsehen angesehen haben, war das immer ein Ereignis.«

Onkel Ludwig und Tante Heide waren so etwas wie Traumeltern für die junge Anja, die heute eine gestandene Frau am Ende der vierziger Jahre ist: »Ich habe Euren Sohn Marc oft um Euch als Eltern beneidet, aber das war weißer Neid und kein schwarzer Neid. Ich habe ebenfalls meinen Anteil bekommen, und auch dafür werde ich Euch für immer dankbar sein, denn ohne das wäre es mir im Leben viel schlechter ergangen. Ich bin so dankbar dafür, dass ich Dich kennen durfte. Ich bin dankbar, dass Du mein Onkel bist. Du bleibst immer in meinem Herzen.«

Der »Todesgott« behält also nicht das letzte Wort. Wenn wir zu dem oder der Verstorbenen eine gespannte Beziehung voller ungelöster Konflikte hatten, so lässt sich auch das bereinigen. Ich selbst konnte meinem Vater trotz gründlicher Therapie lange nicht die Scheidung verzeihen (dabei hatte meine Mutter auf der Trennung insistiert), bis ich selbst mit über fünfzig Jahren nach zwei Jahrzehnten Ehe in die gleiche Situation der Scheidung wie er kam. Jetzt musste ich vom hohen Ross meiner Arroganz heruntersteigen.

Ich tat dies, auf Anraten einer Therapeutin, in einem imaginären Brief nach seinem Tod. Er war ein humanistischer Arzt, aber als Vater, realistisch gesprochen, eine Nullnummer gewesen. Das Letztere habe ich ihm unter Tränen geschrieben. Dann würdigte ich seine schönen Seiten, seine Klugheit, seine gleichbleibende Freundlichkeit, seine ärztliche Kompetenz, Sportlichkeit, Musikalität und seine Heiterkeit im Umgang mit Patienten und Freunden. Ich verzieh ihm die Vaterwunde, die er mir zugefügt hatte. Dann aber tat ich den entscheidenden Schritt: Ich entschuldige mich auch bei ihm, dass ich ein Leben lang mit der »geliehenen Stimme« meiner – enttäuschten – allein gebliebenen Mutter über ihn gesprochen und ihm damit den Zugang zu meinem Herzen verwehrt hatte.

Der letzte Satz des Briefes an meinen Vater lautete: »Ich liebe Dich.« Über diesen Satz, der mir sozusagen herausrutschte, habe ich selbst am meisten gestaunt. Ich bin versöhnt mit meinem Vater. In meiner Praxis habe ich ein großes Foto von ihm, teuer gerahmt, aufgehängt. Ich sehe Vater täglich.

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