Zora Debrunner - Lass die Maske fallen

Zora Debrunner, 28.01.2021

Zora Debrunner
Zora Debrunner

"Zieh die Maske ab, ich möchte dein Gesicht sehen", sagte mein Vater, als ich ihn an Pfingsten 2020 im Pflegeheim besuchte. Das Sprechen fiel ihm damals noch nicht schwer, das Bewegen seiner Beine hingegen schon. Ich bin seinem Wunsch nicht nachgekommen, weil mir das schlimmstenfalls einen Rauswurf aus dem Heim eingebracht hätte.

Rückblickend bereue ich es, dass mein Vater mich nicht mehr ansehen konnte.

Mein Vater ist vor zwei Monaten nach langer, schwerer Krankheit zuhause verstorben. In all der Zeit hat er mich nie mehr ohne Gesichtsmaske gesehen, denn das war eine der Abmachungen, die wir als Familie getroffen haben: Lieber so, als dass die Eltern Gefahr laufen, krank zu werden.

Ich sah meinen Vater immer sehr gerne an. Er war ein gutaussehender Mann. Das war er nicht immer gewesen, hatte er mir vor Jahren verraten. Als Jugendlicher litt er unter einer schlimmen Akne, die ihm einige Narben im Gesicht einbrachten. Deswegen hat er sich dann später auch einen Bart wachsen lassen. Als kleines Kind habe ich seinen Bart geliebt. Und als er einmal erwog, diesen zu rasieren, habe ich ihm gedroht: "Dann bist du nicht mehr mein Papi."

Unsere Vater-Tochter-Beziehung war immer sehr ehrlich gewesen. Ich konnte ihm als Teenager alle meine Sorgen erzählen. Er hatte immer ein offenes Ohr für mich und selten Ratschläge. Die meisten unserer Gespräche fanden statt, wenn er seine Kaninchen fütterte. Er hörte mir zu, runzelte die Stirn und am Schluss lud er mich jeweils zum Znacht oder einem Kaffee zuhause ein.

All das konnten wir die letzten Monate seines Lebens nicht mehr geniessen. Alles fiel ihm schwer. Er litt und ich stand daneben und konnte ihm nicht helfen. Wahrscheinlich ist all das auch nicht die Aufgabe einer Tochter. Für ihn war wichtig, dass ich mein eigenes Leben lebe, dass ich das tue, was mir wichtig ist. Er hat nie den Wunsch geäussert, dass ich ihn mit-pflegen sollte. Das war für uns beide wohl zu intim. Ich meine, den eigenen Vater derart verletzlich zu erleben, war für mich, trotz 20 Jahren Berufserfahrung in Pflege und Betreuung, ein Schock:

Einen Menschen zu pflegen verlangt von einem, dass man die Maske fallen lässt. Beim Pflegen ist man körperlich und seelisch nahe an seinem Mitmenschen. Anders könnte man ihm gar nicht begegnen und helfend tätig sein. Gleichzeitig trägt man die Maske der Professionalität, die es einem möglich macht, tagtäglich menschliches Leid zu ertragen. Wenn man nun seinen Angehörigen pflegt, umgibt man sich in grosser Nähe zu jenem Menschen, den man liebt, verliert jegliche Zeit und Sorge zu sich selber und muss sich gleichzeitig mit der Endlichkeit des Seins abfinden. All dies ist eine schwer erträgliche Sache.

Ich durfte in den letzten Stunden seines Lebens an meines Vaters Seite sitzen. Ich trug dabei eine Maske. Zwischendurch ging ich auf die Terrasse, um frei durchzuatmen, eine neue Maske anzuziehen, weil die alte von Tränen durchfeuchtet war. An jenem 19. November war ich tieftraurig, weil ich wusste, dass ich meinen Vater nun gehen lassen muss. Doch ich war gleichzeitig von einer grossen Erleichterung durchflutet: ich durfte meinen Vater besuchen. Er musste nicht im Pflegeheim sterben. Ich hätte nie gedacht, dass mich diese Tatsache so glücklich machen würde. Was für ein verdammtes Scheissjahr.

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1Kommentar

  • Barbara Rentsch
    18.02.2021 11:10 Uhr

    Lass die Maske fallen

    Liebe Zora Debrunner

    Vielen Dank für den Einblick in dein Leben.

    Mir ging deine Beschreibung wie du die letzten Momente mit deinem Vater erlebt hast, direkt unter die Haut. Vielleicht weil ich genau in dieser Zeit, nämlich am 20. November in den frühen Morgenstunden meinen Schwiegervater und am selben Abend noch meinen Ersatzgrossvater im Alter von 93 Jahren verloren habe.
    Für mich war es, als gäbe es keinen anderen Tag zum Sterben, als der 20. 11. 2020!
    Meine mittlerweile vier erwachsenen Kinder und ich waren total überfordert damit. Sie verloren ihren Grossvater und Urgrossvater an einem Tag und ich verlor gute Freunde und geliebte Menschen.

    Wie auch du, waren wir oft zu Besuch bei ihnen zu Hause.
    Doch hatten wir nie die Abmachung getroffen, dass im Haus die Maskenpflicht gilt. Die Besuchszeiten waren geplant und so konnten wir die Corona-Massnahmen einhaltend.

    Du schreibst sehr eindrücklich, dass du im Nachhinein deinen Entscheid bereust die Maske nicht ausgezogen zu haben.
    Im Nachhinein sind wir ja bekanntlich immer schlauer!
    Für mich stellt sich die Frage, was ist wichtiger einen Rauswurf zu bekommen oder einen einfachen Wunsch zu erfüllen. Was wäre geschehen, wenn du deine Maske für paar Minuten fallen gelassen hättest?
    Die Abmachung deiner Familie hat dich zu etwas gezwungen, was du jetzt bereust, befolgt zu haben.
    Wie geht es dir damit?
    Dein Vater hat deinen Entscheid sicher verstanden, da ihr eine enge und ehrliche Vater-Tochter-Beziehung hattet. Er konnte sich dein Gesicht hinter der Maske sehr gut vorstellen.

    Du schreibst, dass du in der Pflege und Betreuung arbeitest seit vielen Jahren. Deine Beschreibung vom Pflegeberuf gefällt mir sehr gut. All die Masken die man trägt dabei, hast du sehr schön beschrieben.
    Ein letztes Mal einen Menschen, den man eine Zeitlang begleitet hat zu waschen, zu kämmen, anziehen und hübsch zu machen ist nicht jeder Manns-Fraus-Sache. Bei fremden Menschen geht es mehrheitlich gut seine Gefühle dabei zu kontrollieren. Da trägt man die Masken der Professionalität. Jedoch bei geliebten Familienangehörigen wird's schwieriger diese zu tragen.

    Ich selber durfte meine Grossmutter vor Jahren und meinen Onkel vor 3 Jahren diese Ehre letzte erweisen. Es war ein einzigartiges Gefühl. Ich glaube sogar zu behaupten, dass ich ihnen vorher nie so nahe war, wie genau in diesem Moment. Den letzten Augenblick ihres Daseins miterleben und anschliessend diese Stille…. das war ein unglaubliches Erlebnis für mich. Danach suchte ich nach Kleidern im Schrank, die sie gerne hatten, half waschen, umziehen und hübsch machen. Dabei sprach ich mit ihnen über das was wir zusammen erlebten, lachte und weinte zugleich. Wie schon erwähnt, es ist eine schwierige Aufgabe, Angehörige zu pflegen bis zur Endlichkeit des Daseins.

    Ich freue mich für dich und deinen Vater, dass er in seiner vertrauten Umgebung sterben durfte. Deine Tränen, die die Masken getränkt haben waren echt. Alles andere spielt keine Rolle mehr. Die Umwelt kann die echten Gefühle der Menschen nicht beeinflussen.

    Und ja, es war ein "verdammtes Scheissjahr"

    Dir, liebe Zora wünsche ich ein tolles 2021 und verbleibe mit lieben Grüssen
    Barbara Rentsch

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